Original

2. Juli 1920

Es ist eine ziemlich allgemein verbreitete Ansicht, daß der Krieg dank dem strategischen Talent - manche sagen Genie - des Marschalls Foch gewonnen wurde. Dann und wann hört man es bestreiten, aber dann zersplittern sich die Meinungen gleich auf eine größere Anzahl von Anwärtern, sodaß es schließlich als das einsachste erschien, den Marschall Foch im ungestörten Besitz des Ruhmestitels zu belassen, den ihm die öffentliche Meinung in Frankreich und Luxemburg verliehen hatte.

Aber allmählich bricht sich doch die Wahrheit Bahn. Lange genug hat das alte Sprichwort gegolten, daß die Pferde, die den Hafer verdienen, ihn nicht bekommen. Ein Pferd wenigstens, das den Ruhmeshafer verdient hat, meldet sich jetzt und wiehert sein Verdienst laut heraus.

Es ist der „Echotier“ der Indépendance Luxembourgeoise. Er erklärt, diesmal mit der Bescheidenheit, die ihn auszeichnet, daß er mit der von uns kürzlich erwähnten Hartnäckigkeit, die ihn ebenfalls auszeichnet, den Krieg gewonnen und der französischen Sache zum Sieg verholfen hat. Er habe dazu nicht ganz 25 Jahre gebraucht.

Mir ist es schnuppe. Er soll sich mit dem Marschall Foch einigen, wieviel Prozent des Verdienstes auf jeden kommen.

Aber ich fürchte sehr, sie werden nicht zum ungestörten Genuß ihres respektiven Anteils gelangen. Denn zur selben Stunde, wo der Siegesorganisator aus der „Indép. Lux.“ auf den Plan tritt, strecken auch mehrere Redakteure des „Lux. Wort“ die Hände nach den Lorbeeren aus, auf denen sie entweder ausruhen oder die sie als Suppengewürz verwenden wollen.

Ich hatte kürzlich hier folgendes geschrieben:

„Draußen auf dem Lande aber fragten einen die Leute angstvoll und sorgenerfüllt immer wieder: Was soll aus uns werden?

Ich biß immer stark den Zuversichtlichen heraus und sagte: „Was wir werden sollen? Wir bleiben, was wir sind. Was will denn der Preuß oder der Franzos mit so einer Handvoll unbotmäßiger Kostgänger anfangen? Und wer will sich heute im Herzen von Mitteleuropa noch das Odium einer solchen Vergewaltigung aufladen, nachdem das Beispiel von Elsaß-Lothringen gezeigt hat, daß heute auch der beste Magen nicht mehr stark genug ist, solche Bissen zu verdauen? Ihr werdet sehen, es geht besser, als wir meinen!

Fast wäre ich zu glauben versucht, daß felsenfestes Hoffen und Wünschen sich an die Ereignisse hängt, wie Kork an ein versunkenes Schiff, und ein Glück an die Sonne heben kann, das schon am Untergehen war.“

Ich versichere auf Ghre und Gewissen, daß ich das sehr harmlos gemeint hatte daß ich mit keinem Gedanken daran dachte, einem Redakteur des „Lux. Wort“ an den Frack zu greifen, wie man volkstümlich zu sagen pflegt. Aber sie nahmen es übel und wollten nicht zulassen, daß die Welt vergaß, daß eigentlich sie den Krieg gewonnen hatten. Denn sie hatten sich auf den „Bronzefelsen“ ihres Vertrauens in unser gutes Recht gestellt. Da stehen sie noch heute.

Meinetwegen. Ich meine nur, als sie von dem Bronzefelsen unseres guten Rechts sprachen, da war dieser Fels schon durch den deutschen Bertragsbruch umgestürzt. Ich meine ferner und erlaube mir sogar lest überzengt zu sein, daß im Fall eines deutschen Sieges, der bekanntlich eine Zeit lang nicht allzu unwahrscheinlich schien, unsre Unabhängigkeit unweigerlich und trotz dem mehrerwähnten Bronzefelsen, auf dem drei Redakteure des „Lux. Wort“ standen, denselben Weg gegangen wäre, den unsre Neutralität am 2. August 1914 durch den deutschen Einbruch gegangen war. Ich meine drittens, wenn jemand beweisen will, daß die Wilson’schen Prinzipien heute die Welt regieren, so soll er um Gotteswillen nicht, wie das „Lux. Wort“ an unser Referendum erinnern, bei dem es sich hinterher herausstellte, daß seine Verteidiger nicht wußten, was das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist.

Aber davon abgesehen, gebe ich gerne und neidlos zu, daß zwei oder drei Redakteure des „Lux. Wort“ durch drei oder vier Artikel es durchgesetzt haben, daß nicht die Deutschen, die uns in’s Reich eingeschlachtet hätten, sondern die Alliierten siegten, die uns bis zu einem gewissen Grade unsre Freiheit lassen.

Ehre wem Ehre gebührt! Dem Verdienst seine Krone und jedem Pferd der Hafer, den es verdient! Dann fällt kein Schneider vom Doch, wie sich ein weltlicher Herr Kollege vom „Lux. Wort“ in der Erinnerung an seine tollen Studentenjahre mit Vorliebe auszudrücken pflegt.

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    Katalognummer BW-AK-008-1708