Original

3. Juli 1920

Unsre Abendkonzerte auf dem Paradeplatz sind eine Attraktion ganz eigener Art. Die Geschlossenheit des Platzes, die bequeme und nach Belieben auszudehnende Sitzgelegenheit, die Tresslichkeit der Kapelle, alles wirkt zusammen, um diese musikdurchflossenen Abendstunden zu den schönsten des Jahres zu machen.

Um das Idyll nicht zu stören, hat die Stadtverwaltung angeordnet, daß der Verkehr mit Fuhrwerken über die Straßen, die den Paradeplatz einsäumen, während des Konzerts verboten ist.

Das Publikum ist ihr dafür sehr dankbar.

Es wäre ihr ebenso dankbar, wenn neben die Schilder „Gesperrt für Fuhrwerke“ andre aufgestellt würden mit der Aufschrift: „Gesperrt für Gassenbuben.“

Du gehst beschaulich auf dem Platz unter den alten Kastanienbäumen, in dem Genuß der Musik oder in ein Gespräch mit deinem Freund oder deiner Freundin vertieft, oder der stehst Schulter an Schulter mit einer andächtigen Menge, die der schmelzenden Weise eines Klarinette-Solos lauscht, deine Seele schwimmt auf abendrotbestrahlten violetten Wolken hoch über ollen harten Wirklichkeiten - plötzlich fliegt ein schwitzender, kreischender Bengel wider dich, bohrt sich zwischen dir und deiner Nachbarin durch, benutzt deren Standbein als Angelpunkt für eine heftige Drehung im Kreis, stößt sich in einer Neigung von zirka 27 Grad zur Erde vom Knie deiner Nachbarin ab zwischen die Beine eines alten Staatspensionkerten, der sich an der Bluse eines Typfräuleins ergreift, um nicht lang hinzuschlagen, Flüche und Verwünschungen folgen dem Störenfried, dessen Verfolger von seiner Spur abgelassen hat und mit denselben Gewalttätigkeiten eine andere Rinne in die Zuhörerschaft schneidet, um dem ersten auf den Vorsprung zu kommen. Diese zwei sind nicht allein, eine ganze Bande dieser jugendlichen Rowdies, zwei Banden drei Banden machen den Platz während des Donzerts unsicher mit Rempelei und Geschrei. An einem der letzten Abende hatten sie zu ihrer Genugtuung außerdem zwei zerbrochene Schaufensterscheiben zu verzeichnen. Die Besitzer haben natürlich das Nachschen. Richt nur, daß sie den ganzen Abend hindurch die wilde Jagd vor ihrer Tür vorüberfegen hören und keinen Ton vom Konzeet zu ihnen dringt, zur Störung des ästhetischen Genusses tritt eine empsindliche materielle Schädigung.

Fünszig Schritt weiter hinauf liegt die Polizeihauptwache. Wie nett ware es von einem dieser Herren, die ja nur darauf aus sind, sich bei der Bürgerschaft beliebt zu machen, wenn er an den Konzertabenden ein wenig nach dem Rechten sähe und es verhinderte, daß gewisse Stellen des Paradeplatzes aussehen, als würde ein Charly Chaplin-Film darauf gestellt.

Wenn die Polizei es fertig bringt, daß dort herum im Laufe eines Jahres auch nur eine Spiegelscheibe weniger von diesen Rotzbuben eingeschlagen wird, so hat sie mehr aufzuweisen, als mit fünfzig Automobilprotokollen.

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    Katalognummer BW-AK-008-1709