Original

5. Juli 1920

Herr Müller saß mit Bekannten zu Tisch. Herr Müller, das bin ich selber. Da nämlich der „Echotier“ der „Indép. Lux.“ sich darüber aufregt, daß alle meine Abreißkalender mit Ich ansangen, so werde ich mich durch Herrn Müller ersetzen, bis der Mann sich beruhigt hat. Im Vorbeigehen möchte Herr Müller ihm einen Zweifel lösen. Der „Echotier“ findet es von Herrn Müller unkollegialisch, daß dieser es gewagt hat, ihm zu antworten, wie er es schon längst verdient hatte. Daß der „Echotier“ von Kollegialität spricht, ist grotesk. Seit die Franzosen im Land sind, hat er noch nichts anders getan, als darauf sinnen, wie er Landsleute als „Boches“ denunzieren könnte. Wenn es nicht gewirkt hat, ist es nicht seine Schuld. Wer hierzuland, beispielsweise zur Zeit der deutschen Besetzung, sich die leiseste Insinnation erlaubt hätte, um einen Landsmann als Franzosenfreund hineinzuhauen, wäre mit vollstem Recht der allgemeinen Verachtung anheimgefallen. Wenn der „Echatier“ der „Indép. Lux.“ nicht merkt, daß er seit Jahr und Tag dasselbe Handwerk treibt, so liegt das eben daran, daß er sich für ein ganz besenderes Porzellan hält.

Es gibt nur einen Unterschied zwischen seinem Fall und dem eines andern, der im angedeuteten Sinn das Umgekehrte getan hätte. Dieser hätte wahrscheinlich die Wahrheit gesagt, während der „Echotier“ seinen Kollegen germanisierende Tendenzen anhängt, von denen er bestimmt weiß, daß sie nicht vorhanden sind.

„Nachdem dies geschehen,“ setzt sich Herr Müller wieder zu seinen Bekannten an den Tisch, mit dem Rücken gegen obgemeldten Echotier, und läßt sich von seinem Gegenüber folgende allerliebste Geschichte erzählen:

Als ich damals von Frisco nach New York fuhr, hatte ich noch 63 Dollar. Ich trug sie in einem Gürtel umgeschnallt, und ich gab davon so wenig wie möglich aus. Die Folge davon war, daß ich die ganze Strecke „trampte“. Sie wissen, was das heißt. Die Deutschen nennen einen Tramp einen blinden Passagier. Es ist manchmal sehr ermüdend. Man sitzt nicht immer auf Polsterbänken. Als wir in Grand Junction diesseits der Rocky Mountains ankamen, blieb der Zug liegen und ich mußte mir in der Town ein Nachtlager suchen. Der Wirt des Grand Hotel Grand Junction, das ganz aus Holz gebaut war, sagte, es sei noch ein Zimmer mit zwei Betten frei, außerdem die Hälste eines Bettes, in dem schon ein Gast schlief. Meiner geringen Barschaft eingedenk wählte ich das halbe Bett. Es stand in einem Räumchen zwischen Wand und Waschtisch eingeklemmt und ich mußte über den Waschtisch zu meinem Schlafgesellen klettern. Meinen Gürtel behielt ich unterm Nachthemd umgeschnallt.

In der Früh wurde ich davon wach, daß sich der andre herumdrehte. Ich dachte: Du kannst übersteigen, du hast länger geschlafen, ich bleibe noch ein wenig liegen, um die Wonne des ungeteilten Lagers auch ein Stündchen auszukosten. Und ich beobachtete ihn scharf im Spiegel, der über dem Waschtisch hing. Er richtete sich ein wenig auf und faßte mich ebenfalls durch den Spiegel ins Auge. Unsere Blicke trasen sich im Reflex der Quecksilberscheibe. Wir starrten uns an, immer verblüffter, und mit einemmal sah ich im Spiegel, wie dem andern vor lauter Verblüffung der Mund aufstehen blieb.

„Bist du es, Gust?“ fragte er in den Spiegel.

„Bist du es, Bernhard?“ gab ich ihm durch den Spiegel zurück.

Wir waren es. Wir waren früher die besten Frounde gewesen, und ich hatte mich immer darauf gefreut, ihn in Amerika einmal zu treffen. Da hatte uns der Zufall zusammen in dasselbe Nachtlager geführt und durch den Waschlischspiegel hatten wir uns wiedergefunden. Erzählen Sie aber bitte die Geschichte nicht in der Zeitung!“

„Beileibe nicht!“ versprach ich - pardon, der Herr Müller.

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    Katalognummer BW-AK-008-1711