Original

9. Juli 1920

Heinrich Heine wurde einmal gefrogt, was aus den alten Monden wird.

„Die zerschlägt der liebe Herrgott und macht daraus neue Sterne“, sagte der Dichter.

Wenn er in unsern Tagen lebte und es fragte ihn jemand, was aus unsern alten Papierscheinen wird, so wäre er um die Antwort verlegen.

Jedem von uns passiert es, daß er einen Schein aus der Hand gibt, von dem er sich sagen muß: Das ist seine letzte Etappe, weiter kann er sich nicht mehr schleppen, er muß buchstäblich auseinander fallen. Dies schwache Papier ist mit Lumpennatur erblich belastet, und mit der schwindenden Appretur gewinnt jene die Überhand.

Wo endigen alle diese Scheine, die aussehen, als ob sie wirklich keinen Tag länger zusammenhalten könnten? Wo endigen die Tiere des Waldes, die Rehe, Hasen, Eichhörnchen, Füchse, die Wildtauben, Fasane, Rebhühner, Raben und sonstiges Geflügel? Sie sind auf einmal einfach nicht mehr da.

Ein gelinder Ekel überkommt einen, wenn man heute nach der Westentasche oder in’s Portemonnaie greift. Früher war das eine königliche Geste, auf die der Klang des Goldes antwortete. Heute ist dir dabei zummt, als ob du eine tote Maus anfassen oder einem Bettelkind die Nase putzen müßtest. Geldeswert, um den sich die Menschheit totschlägt, die Kaaba, nach der ihre Begierden wallfahrten, der Kultus, dessen Gottheit früher wenigstens ein goldnes Kalb war, hat heute als blutig ironisches Sinnbild einen schmutzigen Papierfetzen.

Und wie schmutzig, Herr Gott nochmal! Ich habe, um meine Entrüstung nicht niederkochen zu lassen, einen Fünffrankschein vor mich auf ein paar Bücher und Zeitungen gelegt. Es ist wirklich, als ob all dies relativ jungfräuliche Papier bei der Berührung mit dem ungeratenen Familienglied vor Ekel zusammenschauderte, so ramponiert, so direkt nach dem Kehtichthaufen sieht dies äußere Zeichen unseres Staatskredits aus.

Erinnern Sie Sich, wie im „Scholdichein“ von Dicks der „Schueschtegfeer“ dem Paapschossel den Schein heimlich aus der hintern Rocktasche praktiziert?

Der größte „Schueschtegfeer“ aller Zeiten ist hente der luxemburger Staat, der seinen Bürgern Scheine für viele Millionen ausgestellt hat und ihnen heute einen Teil davon in der Weise aus der Tasche praktiziert, daß er wartet, bis sie vor Alter und Abgerissenheit zugrunde gehen und sich in ihre Atome auflösen. Dann braucht er sie nicht einzulösen.

Wenn jetzt die Flut der amerikanischen Touristen sich auch über unser Land ergießt, müssen wir uns in den Boden hinein schämen, wenn wir ihnen auf ihre tadellosen Dollarnoten diese unheimlich schmutzigen Fetzen herausgeben müssen.

Abgesehen davon, daß unser Papiergeld in seinem beutigen Zustand eine direkte Herausforderung zur Falschmünzerei bildet. Früher soll am Rand der Scheine gestanden haben: „Wer Kassenscheine nachmacht oder verfälscht, wird mit Zwangsarbeit von 15 bis 20 Jahren bestraft.“

Die Ränder sind längst ausgefranst, auf dem Schein sind in der Mitte noch einzelne Silben lesbar. Wie will man feststellen, ob solch ein Wertpapier gefälscht ist oder nicht? Und selbst wenn es neu wäre: Es ist schon so lange her, seit wir neue Scheine gesehen haben, daß niemand mehr weiß, wie sie aussehen und ob ein neuer Schein echt oder gefälscht ist.

Aber leider gestattet die internativnale Lage in Europa der Regierung auch hierin vorderhand nicht. Abhilfe zu schaffen.

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    Katalognummer BW-AK-008-1714