Original

13. Juli 1920

„Ein Täßchen Tee gefällig?“

Sie kennen die Antwort, die ein alter General der Dame des Hauses gab, als sie ihn fragte, ob er seinen Tee mit Rhum oder Cognac wünsche.

„Ohne Tee, bitte,“ sagte er.

Er hatte Unrecht. Daß das älteste Kulturvolk Europas den Tee zu seinem Nationalgetränk gemacht hat, verrät, daß doch mehr dahinter steckt, als der alte Haudegen zugestehen wollte.

Der Tee ist das ätherischste aller Getränke. Er vordankt sein Entstehen dem Wunsch der Menschen, den Dust zu trinken, ähnlich wie die Bowle. Er will den Hauch der wohlriechenden Pflanze in Flüssigkeit einfangen, damit ihn der Mensch doppelt, durch Geruch und Geschmack, genießen kann. Der Kamillentee, um hier den Typ der Gattung Gesundheitstee zu nennen, wird gebraut, weil die Menschen von altersher an die Heilwirkung - oder an das Gegenteil - aller stark riechenden Pflanzen geglaubt haben. Die Gerüche, die einem aus einer Apothekentüre entgegenschlagen, sind für diesen alten Glauben ein poetischer Beleg. Röntgenstrahlen und Radium und viele der modernen Arzneimittel riechen nicht. Wo wollen sie da heilen können?

Der Tee hat also mit zwei wichtigen Dingen in unserm Leben zu tun: Mit Krankheit - oder Gesundheit, wenn Sie es lieber anders herum drehen - und mit Gesellschaftlichkeit. Er gibt dem Verkehr in einem Salon, in einer Gelehrtenstube, in einem Atelier, in einem Tanzsaal das Gepräge. Statt der Geister des Alkohols schweben die Düfte des Orients über der Gesellschaft. Der Tee ist der Anreger par excellence. Seine Wirkung ist unerbittlich, sie reicht manchmal über die gewünschte Grenze hinaus, ganze schlaflose Nächte hindurch. Aber diese Schlaflosigkeit ist nicht brutal, wie sie durch Ärger, Aufregung, Sorgen verursacht wird. Sie ist selber wie ein Hauch, wie ein Duft. Du schläfst nicht und Du wachst nicht, etwas wie ein leichtes Fieber, ein Hauch, ein Dust von Fieber ist um Dich, trägt Dich wie eine Wolke. Der Tee ist ein dünner, violetter Schleier, der um Dich weht, der Alkohol deckt Dich mit einem sanften Pfühl zu.

Für einen, der kein Teetrinker ist, hat der Tee den noch seinen Reiz. Er liegt in den Teetassen. Eine Teetasse - eine Kaffeetasse - ein Weinglas - ein Bierkrug: So geht die Steigerung rückwärts. Eine schöne Teetasse ist ein Blumenkelch. Sie wiegt nichts in der Hand, sie hat nicht die Durchsichtigkeit des Glases, ihr Stoff läßt die Dinge durchschimmern, wie Träume. Sie ist das Gedicht in der Prosa des Hausporzellans.

Das ist der Tee, der unter der Sonne Asiens wächst und aus der Erde Asiens seinen exotischen Duft destilliert: Der russische, der chinesische, der Ceylontee, und wie sie alle heißen, ob sie mit Karawanen oder Schiffen aus ihrer fernen Heimat zu uns kommen.

Aber wir haben seit Urzeiten gelernt, aus den Blättern und Blüten, die unsere Heimaterde trägt, die Teearten zu sieden, die die bösen Geister der Krankheiten mit ihrem Duft verscheuchen sollen. Der Lindenblütentee und der Hollunder-, Kamillen-, Pfefferminztee, um nur einige der gebräuchlichsten zu nennen, bilden einen integrierenden Bestandteil jeder Hausfrauenapotheke. Der Mann hält nicht viel vom Tee, solange er im „feindlichen Leben“ aufrecht steht und Hiebe austeilt und empfängt. Aber im Leben des stärksten Mannes gibt es Augenblicke, wo er mit Rührung aus der Hand einer Pflegerin die Tasse Kamillenblütentee entgegennimmt, die besänftigt, wie ein Streicheln und wie die Berührung von seidenen Haarsträhnen, wie weiße Mullvorhänge in Nonnenzellen, wie Verzeihung und Frieden und Liebe.

Wie schade, daß die Menschheit für Kamillentee so wenig Verständnis hat!

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    Katalognummer BW-AK-008-1716