Original

14. Juli 1920

Es sällt seit langem auf, wie viele Menschen, denen ein sogenannter schöner Tod zu wünschen gewesen wäre, und die ihn verdient hätten, in Graus und Schatten dahingehen.

Gibt es ein Sterbon in Schönheit, wie es Hedda Gabler von dem verlangt, den sie lieben könnte?

Das große Sterben - wenn man das große Morden des Weltkriegs so nennen darf - hat der poetischen Fiktion vom Sterben in Schönheit einen argen Stoß versetzt. Früher hörten sich die Reiterlieder, die vom schönen Tod sangen, noch einigermaßen an, aber heute glaubt niemand mehr an den Glorienschein des „verfluchten“ Heldentodes. Man hat zu oft gelesen, wie es war, wenn Menschen, denen Arm und Bein zerschmettert waren, in Drahtverhauen unter dem Feuer von Freund und Feind verzappelten und in Wahnsinn untergingen, bevor das letzte Eckchen, aus dem noch ein Lebensrinnsal hervorbrach, von einem Granatsplitter zerrissen war. Oder wenn andere im Schlamm und Dreck der Schützengräben unter den Stiefelabsätzen ihrer Kameraden ertranken oder von dem mütterlichen Erdreich, in dem sie vor Ihresgleichen Zuflucht gesucht hatten, heimtückisch verschüttet wurden. Vaterland, du darfst dir was einbilden!

Die alten Heiden fürchteten den Tod nicht, wie wir, und sie gingen ihm nicht so ängstlich aus dem Wege. Sie suchten ihn, ohne sich unheimlich oder verächtlich zu machen, an rosenbekränzter Festtafel, im Arm einer Geliebten, und sie stellten ihn dar als schönen Knaben mit einer umgekehrten Fackel in der Hand, während er uns als Totengerippe erscheint.

Er ist weder das eine noch das andre. Er ist nichts. Er ist ein Aufhören. Er ist ein wesenloser Punkt, wie alle Punkte. Der Punkt, in dem sich die Linien Sein und Nichtsein schneiden. Sagen wir also nicht, daß wir den Tod fürchten. Wir fürchten das Aufhören des Lebens. Tot sein ist nichts, sterben ist alles.

„Lebe, wie du, wenn du stirbst, - Wünschen wirst, gelebt zu haben,“ - ist eine alte weise Regel. Ich möchte das verblüffte Gesicht des Mannes, der sie ersonnen hat, sehen, wenn er wüßte, wie die meisten Menschen beim Herannahen des Todes wünschen, gelebt zu haben. Doch wahrscheinlich so, wie sie zu leben wünschten, wenn es ihnen freigestellt würde, wieder von vorne anzufangen. Das sind heutzutage die wenigsten, die sich es auf ihrem Totenbett zum Verdienst anrechnen, ein Leben der Entsagung und Entbehrung, aber Gerechtigkeit gelebt zu haben und hinübergehen zu müssen, ohne von der Festtafel des Lebens auch nur ein paar Brosamen erhascht zu haben.

Es werden noch immer auf den sogenannten Tod des Gerechten Wechsel ausgestellt. Er wird angepriesen, wie eine Anleihe mit Prämien. Du bekommst Anwartschaft darauf, im Kreise Deiner Kinder und Kindeskinder, die alle glücklich verheiratet bezw. Musterknaben sind, an einem sonnigen Herbstnachmittag, wo die Sonne durch die Bäume des Gartens ihre Strahlen auf Deine Bettdecke wirst, Deine letzten Aussprüche zu tun. Nähere Einzelheiten kannst Du bei Jung-Stilling, Heinrich Stillings Leben, nachlesen. Du schlummerst über dem Reden sanft hinüber und die liebste Deiner Enkelinnen drückt Dir die Augen zu. Es bleibt Dir bis zu Deinem letzten Atemzug erdenwohl, der Tod hat für Dich keinerlei Stachel.

Kaufst Du aber nicht von dieser Anleihe, so stirbst Du, wie jener Voltaire, über dessen Ende die Frommen schauderhafte Dinge zu erzählen wissen.

Ich beneide die, die nach dem Rezept Jung Stillings sterben dürfen. Es gibt sie, aber sie sind die Begnadeten, in denen die Quellen des Lebens langsam versiegen, ohne die Gewalttätigkeiten eines Schicksals, das ein Lebensorgan außer der Reihe zerstört. Wer von seinen Vorfahren her den Keim dazu im Blut hat, wird mit persönlichen Verdiensten das Schreckliche nicht abwenden. Er soll zusehen, daß sein Arzt sein bester Freund wird und ihm zu geeigneter Zeit ein Schlaftränklein verschreibt, in dem er aus Versehen die doppelte Dosis aufgeschrieben hat. Noch besser ist die Freundschaft des Apothekers.

Aber unser Glaube an die Apotheose eines schönen Todes nach einem schönen Leben ist stark erschüttert, seit die Besten in Qual und Angst und Verzagtheit dahingehen.

Wer hätte es mehr, als ein Paul-Eyschen verdient, einen Lebensabend als Sonnenuntergang voll Glück und Genugtuung zu haben, seine letzte Stunde vom Dank des Volks und seiner Fürstin vergoldet zu sehen? Und starb er nicht am Gegenteil?

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    Katalognummer BW-AK-008-1717