Original

15. Juli 1920

Herr Generaldirektor de Waha hat am Dienstag in der Kammersitzung etwas getan, wofür ihm nicht genug gedankt werden kann.

Er hat einen alten Luxemburger, der unverschuldet in einen übeln Ruf geraten war, wieder an die Stelle gesetzt, an die er gehört.

Es ist der Bauer, zwischen Anführungszeichen.

Seit Menschengedenken wagte niemand in der Kammer, den Bauer beim Namen, bei seinem alten ehrlichen Namen zu nennen. Die cultivateur, agricultcur, producteur usw. flogen nur so in der Luft herum, aber wenn einer den paysan über das Gehege seiner Zähne gelassen hätte, wäre er überzeugt gewesen, eine Beleidigung ausgesprochen zu haben.

Am Dienstag nun sprach Herr de Waha lang wie ein Arm und ohne „mit Verlaub zu melden“ vorauszuschicken, vom paysan, von revendications paysannes, vom milieu paysan, von intérêts paysans usw., und siehe da, niemand empfand es als eine Beleidigung oder auch nur als eine Unzartheit. Und nun hoffe ich, es wird auf die Dauer bei diesem Ehrennamen bleiben, und der kleine Unterton, der dabei mitklingt, wird durch den Hauptton endgültig zugedeckt.

Habent sua fata nomina. Es ist merkwürdig, was um den Namen des Nährstandes herum allerhand für Imponderabilien spielen.

Bauer kommt von bauen, anbauen, bebauen. Daß im Bebauen der Erde irgend etwas Verächtliches läge, was dann auf den Bebauer oder Bauer überstrahlen könnte, wird niemand behaupten. Pslug und Schwert waren immer die gesuchtesten Wappeninsignien. Und trotzdem scheute eine merkwürdige Prüderie von jeher vor dem Gebrauch des Wortes zurück. Man übersetzte es wörtlich auf französisch, da wurde cultivateur oder agriculteur daraus, mit einem Stich ins Lateinische, und mit einemmal war der Bauer salonfähig. Aber der französische paysan blieb immer anrüchig, wie der deutsche Bauer. Da übersetzten sie ihn auf deutsch mit Landwirt, und flugs war das Odium gewichen.

Mir macht niemand weis, daß ein cultivateur dasselbe ist, wie ein paysan, oder ein Landwirt oder Agronom oder Ökonom dasselbe, wie ein Bauer. Der Bauer ist ein Wesen aus dem Vollen, auf breiter, gesunder Grundlage, mit tiefen Wurzeln, starrnackig und gradeaus, ein Naturprodukt. Der Landwirt ist schon angebröckelt, es ist in dem Begriff schon ein wenig Ungesundes, ein wenig Kampf mit dem Niedergang, etwas Mageres, von des Gedankens Blässe Angekränkeltes. Ich kann mir nie einen Bauer, wohl aber einen Landwirt mit einem schlechten Magen vorstellen. Der Agronom gar ist schon ganz von Gott verlassen und von dem Erdreich losgelöst, auf dem der Bauer wächst. Der Agronom geht in die Stadt mit den „Herren“ Karten spielen und bessere Flaschen trinken, hat er Glück, so wird er Kettenhändler, hat er Pech, so wird er bankrott, hat er Verstand, so wird er wieder Bauer.

Schon vor Jahrhunderten, zu Zeiten, wo es auf der Welt im großen ganzen nur Bauern und Soldaten gab, war mit der Vorstellung Bauer die Vorstellung Vermögen eng verbunden. „Sag Bauer du, wie groß ist dein Vermögen?“ fragt der Landsknecht in einem alten Soldatenlied. Und heute gibt es nach dem Volksbegriff kein bemitleidenswerteres Los, als das des Bauern, der von seiner Scholle von den „Schuldleuten“ vertrieben wird. Da wird auseinandergerissen, was geradezu durch die Natur zusammengeschmiedet war.

„Bargeld“ war dem alten Bauer ein Pudibundum, ein Unheimliches, durch das er mit dem Notar in Beziehung stand, eine Lockung, die ins Verderben führte. Der Umschwung nach der Bargeldwirtschaft vollzieht sich allmählich und dadurch kommt in das Fundament des Bauernstandes ein schwankendes Element, das eine ganz andere Behandlung verlangt, als die Scholle. Diesen Umschwung mußte der Bauer mitmachen, aber er mußte in die neuen Lebensbedingungen seine alten Erdenschwere, seinen Ballast mit herüberbringen, sollte er nicht um die Ecke gehen, sollte er im besten Sinne Bauer bleiben. Die Umwandlung ist noch nicht ganz vollzogen, und es ist sehr interessant zu beobachten, wie sie auf die einzelnen wirkt, wie dieser davon aus der Bahn geschleudert wird, während jener in der bäuerlichen Art seiner Vorfahren den starken Rückhalt findet, den er heute braucht.

Ein Wörtchen wäre von der Bäuerin zu sagen. Die derbe Nebenbedeutung des Wortes Bauer machte vor ihr Halt. Wenn man ihren Mann zu dem Gröbsten in Beziehung brachte, zu Pferd, Ochs, Mist usw., so dachte man sich die Bäuerin meist in Verbindung mit lauter Dingen, die das Dasein angenehm gestalten: Butter, Eier, Kochkäse, Geslügel, Milch, Rahm und dergleichen. Wer Bäuerin sagte - wir gebrauchten bezeichnenderweise zumeist das Diminutiv „Bauerefrächen“, - der sagte Güte, Fülle, Mitteilsamkeit. Es fiel niemanden ein, sie Landwirtin, Produzentin, Ökonomin oder Agronomin zu nennen.

Und wie gesagt, ich hosse, daß nach dem Vorgang des Herrn de Waha jetzt alle Redner die Bauern in der Kammer wieder bei ihrem ehrlichen heimischen Namen nennen und die Kunstbauern endgültig beiseite lassen werden.

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    Katalognummer BW-AK-008-1718