Original

16. Juli 1920

Ich glaube, man hat sich über Hrn. Hugo Stinnes und seine Bramarbasrode in Spa über Gebühr aufgeregt.

Er begann damit, daß er sagte, er wolle stehend reden, um seinen Zuhörern in’s Auge zu sehen.

Für einen Redner ist das erfahrungsmäßig ein wenig empfshlenswertes Verfahren.

Wer wichtiges zu sagen hat, sammelt seine Gedanken und wägt seine Wörte, und das ist sehr schwer, wenn man seinen Zuhörern in’s Auge sieht. Wer gewöhnt ist, Redner - und die besten unter Ihresgleichen - an der Arbeit zu sehen, der weiß genau, daß ihre Bliche zumeist vor sich hin auf gar nichts gerichtet sind, auf einen Punkt in’s Leere, auf den sich, ihre Ideen zu projizieren scheinen. Die Ankündigung des Hrn. Stinnes, er wolle seinen Zuhörern in’s Auge sohen, glich nicht übel einer Provokation, einem Aufschürzen der Hemdärmel, und unter wohl erzogenen Menschen hat man es längst aufgegeben, die Ävmel aufzuschürzen, selbst bildlich. Weil man andre Mittel hat, seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

Herr Hugo Stinnes nahm sodann ein Recht in Anspruch, auf das er sich stützte. Wie und woher er es ableitet, interessiert uns hier nicht. Aber es mutet speziell uns hier seltsam an, wenn die Besiegten dieses Krieges von Recht reden. Uns, die wir die ersten Opfer ihres offen, zynisch eingestandenen Nechtsbruches, ihrer Theorie vom Fetzen Papier und von der Not, die kein Gebot kennt, geworden sind. Wenn man es verschuldet hat, daß Treu und Glauben zwischen den Völkern wahrscheinlich ein halbes Jahrhundert brauchen werden, bis sie wieder zu einem festen Erdreich werden, auf dem man sich ohne Mißtrauen die Hände reichen kann, dann braucht man allerdings den Mut des Hrn. Hugo Stinnes dazu, seinen Zuhörern in’s Auge zu sehen, wenn man von Recht spricht.

Er hat auch ohne Umschweife die Ziffern des Hrn. Millarand, als unrichtig bezeichnet. Hr. Hugo Stinnes ist Geschäftsmann. Er soll sogar kein schlechter Geschäftsmann sein Im Geschäft ist der Bluff manchmal ein beliebtes Mittel, und wenn es, wie hier, um’s Ganze geht, bräuchte man sich nicht zu wundern, wenn Herr Stinnes einsach geblufft hätte. Darüber werden die Sachverständigen von Spa befinden.

Ich erinnere mich aus meiner Bonner Studentenzeit der langen Schleppzüge auf dem Rhein und der mächtigen Dampfer und Kohlenkähne, die den Namen eines Vorfahren des Hrn. Hugo Stinnes mit I, II, III usw. trugen. Ich kann mir denken, daß vor Zeiten ein Stinnes mit der blauen Schiffmannskappe und goldnen Ankern in den Ohrläppchen seine Befehle über Deck gröhlte. Die rheinischen Schiffsleute waren immer sehr mundfix und gewöhnt, laut und deutlich zu reden. Kein Wunder also, wenn an einem ihrer Nachkommen das Phänomen auftritt, das man damit bezeichnet, daß man sagt: die Schnauze ist mit ihm durchgegangen.

Herr Hugo Stinnes gilt vielleicht bei einem Teil des deutschen Volkes seit seiner Rede von Spa als eine Art Held. Nur bei einem Teil. Der andre Teil empfindet wahrscheinlich sehr deutlich, daß sich de derselbe Geist wieder regt, der Deutschland langsam an den Abgrund geführt und es dann relativ rasch hineingestürzt hat.

Zu einem Helden gehört Mut, zum Mut gehört das Bewußtsein, daß eine persönliche Gefahr zu bestehen ist.

Wo war in Spa die Gefahr? Für Hrn. Stinnes persönlich doch wohl keine. Er wußte, daß ihm kein Tintenfaß an den Kopf geworfen, daß nicht mit Revolvern auf ihn geschossen würde. Er wußte, daß seine Worte Verblüffung, er wußte nicht, daß sie vielleicht sachte Heiterkeit auslösen würden.

Eine Gefahr konnten sie nur für das deutsche Volk bilden. Diese Gefahr nahm er kaltlächelnd auf sich.

Wenn er dadurch zum Helden geworden ist, so hat ihn sein Heldentum nicht mehr gekostet, als den Speichol, den er während seiner Rede vergossen hat.

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    Katalognummer BW-AK-008-1719