Original

20. Juli 1920

Sie kennen die Theorie von der Dreiheit der Ereignisse: Wie die Nonnen und Gendarmen immer zu zweit ausgehen, so gehen die Ereignisse immer selbdritt.

Erwarten Sie jetzt nicht, daß ich diese Theorie, die mindestens soviel Wert hat, wie die vom hundertjährigen Kalender, jetzt auf ein welterschütterndes Vorkommnis, wie den Weltkrieg anwende. Sie ist mir nur wieder eingefallen im Zusammenhang mit der Erinnerung an den Brand von Fels und die Pfarrergeschichten, die sich daran knüpsten. Denn überall wußte wieder einer ein paar neue Anekdoten, und so sehe ich mich zum dritten Mal veranlaßt, die Rede darauf zu bringen, indem ich ein paar von den Geschichtchen zum besten gebe. Vielleicht findet sich eines Tages jemand, der aus den unzähligen luxemburger Pfarreranekdoten ein Buch macht. Ich melde meinen Beitrag an.

Die Kirche von Fels hatte eine neue Statue ihres Schutzpatrons erhalten. Mein Gewährsmann, der zwar nicht aus Fels, aber in der Nähe zuhaus ist, schreibt, es sei die Statue des hl. Donatus, gewesen. Das kann stimmen, denn der hl. Donatus ist im Kalender um die Zeit der Felser Kirmes zuhaus. Nun handelte es sich darum, den Heiligen in seiner Nische im Kirchenchor aufzustellen. „Mit vieler Mühe - berichtet der Chronist - hatte man den Schutzpatron an seinen Standort gehißt, der Schmied stieg herunter, Hammer und Meißel zu holen, um die Statue endgültig zu befestigen, während der Herr Pfarr die Leiter hielt. Unterwegs zaudert der Schmied, blickt ängstlich nach oben und meint zum Herrn Pastor: „De werd eis dach elo net erof bonzelen?“ Darauf Hochwürden: „E werd der Deiwel net gesin hun!“

Als sotaner Pfarrer von Fels nach Wormeldingen versetzt worden, wovon hier schon die Rede war, waren die Felser Fuhrleute beflissen bei der Hand, seinen Hausrat aufzuladen und von dannen zu schaffen. Den Wagen, hoch mit Möbeln und sonstiger Habe betürmt, zog das Dreigespann keuchend und „schneebäuchelnd“ den Berg hinauf gen Angelsberg. Da riß die Deichsel sich vom Wagen los und polternd rannte dieser wieder den Abhang hinunter. Das sah ein junger Mann, der darob bis zu Tode erschrak. Als hätte er einen Geist erblickt, stürzte er in die Ortschaft und schrie in alle Gassen: E könnt erem, e könnt erem!

Schiltze Petit war weiland Eisenbahnpiqueur und seines trockenen Humors wegen in ganz Luxemburg berühmt. Niemand - sagen sie - hat ihn je lachen sehen, aber ob seiner Rede lachten die andern oft Tränen.

Besagter Schiltze-Petit also saß eines Tages beim Staar - es war zur Zeit, wo Mutter Staar noch in dem Holzbau gegenüber dem Bahnhof ihr Küchenszepter schwang und nach Tisch bei ihren Gästen lächelnd herumfrug, ob es denn auch geschmeckt habe - da also saß Schiltze Petit beim Glas Grächen, als Pfarrer B. hereinkam und ihn freudig begrüßte. Sie waren Schulkameraden gewesen und hatten sich seit einem Menschenalter nicht gesehen. Nun erzählte jeder dem andern, wie es ihm ging und wohin ihn das Leben verschlagen hatte. Der Seelsorger - ich lasse es offen, ob er noch in Fels oder schon in Wormeldingen war - wurde nicht müde, sich über seine Pfarrkinder zu beklagen. Sie seien dies und sie seien das und schickten sich, wie der Hund in die Karre und machten ihm viel Kummer und Sorge.

„Ich habe davon gehört,“ sagte Schiltze Petit harmlos. „Mach dir nichts draus, ich kenne die Sorte. Die wären so, wenn sie auch wirklich einen anständigen Pfarrer hätten!“

TAGS
    Katalognummer BW-AK-008-1722