Original

21. Juli 1920

Wenn wir von einer Arbeit sagen wollen, sie sei besonders wertvoll und gediegen, so gebrauchen wir den Ausdruck: Et aß ob der Hand gema’t.

Die Menschenhand erscheint uns als der beseelte Faktor, durch den in jede Einzelheit des Werkes der Wille des Schaffenden zur Vollkommenheit einströmt.

Wir legen umso mehr Wert darauf, daß ein Gegenstand auf der Hand gearbeitet ist, je näher er an das Gebiet der Kunst hinanreicht und je häufiger der maschinelle Ersatz dafür im Gebrauch vorkommt.

Das Überhandnehmen des Massenartikels, der eine bestimmte Technik nachahmt, ist grade ein Beweis für die Kostbarkeit und Schwierigkeit dieser Technik.

Es gibt wenig Häuser hierzuland, in denen nicht wentgstens ein mittelalterlich aussehender Teller in sogenanntem getriebenem Kupfer an der Wand hängt. Hängt er nicht mehr an der Wand, so ist er als veralteter Kitsch in die Rumpelkammer gekommen.

Aber ich bezweifle, ob im ganzen Lande mehr als sechs oder sieben Häuser sind, in denen echtes getriebenes Kupfer zu finden wäre. Natürlich! Wer wird tausend Francs für einen echten Gegenstand ausgeben, wenn man ihn in sauberer Nachahmung für fünfzig haben kann und wenn auf fünf Schritt der Unterschied nur von Kennern in Acht genommen wird!

Trotzdem gibt es noch heute Originale, die sich darauf versteisen, mit ihren beiden Händen in Monate langer Arbeit herzustellen, was eine Maschine in zwei Sekunden fix und fertig stanzen kann.

Zu ihnen gehört ein luxemburger Landsmann, namens H. Hilbsch, der bei Wiorschem im Schaufenster einen Wandschirm ausgestellt hat. Blatt und Rahmen sind aus getriebener Bronze. Das Mittelstück zeigt eine anheimelnde luxemburger Landschaft mit Dörfchen und Kirchturm im Hintergrund. Vorn ist eine Familie von sechs Personen: Großvater, Vater. Mutter und drei Kinder, damit beschäftigt, den „Feierwon“ zu singen und mittels einer beschriebenen Tasel zu versichern, daß „mir welle bleiwe, wat mir sin“. Über dem Ganzen geht strahlend die Sonne auf. Die Komposition ist glücklich, die Details sind äußerst reich. Wenn etwas in der Zeichnung vielleicht nicht klappen sollte, so ist zu bedenken, daß die äußerst schwierige Technik, die von der Rückseite des Blattes her das Relief heraustreibt, die Genauigkeit nicht ermöglicht, die bei Pinsel und Meißel vorhanden ist.

H. Hübsch war Anfang der vergangenen neunziger Jahre einmal bei einer Gewerbeausstellung hier aufgetaucht und hatte als junger Spezialist in gepunztem Leder von sich reden gemacht. Ich besitze aus jener Zeit von ihm noch ein reizendes Zigarettenetui, das mir immer zu schade war, es in Gebrauch zu nehmen, sonst wäre es wahrscheinlich längst nicht mehr. Ich glaube mich auch zu erinnern, daß H. Hübsch damals für die Regierung mehrere größere Arbeiten ausführte. Er war ein Schützling Paul-Eyschens, der für alte, seltene Handtechniken schwärmte. Er war auch ein Neffe des alten Saaldieners Backer, desselben, der mit Paul Eyschen zum ersten Stelldichein mit Herzog Adolf von Nassau nach Franksurt gefahren war und dem der Premier seinen ersten Eindruck von dem künftigen Herrscher in dem seither berühmt gewordenen Ausspruch mitgeteilt hatte: Becker, ’t aß geroden!

Gut, daß zirka zwei Jahrzehnte später der alte Becker nicht mehr lebte.

Aber vom Wert seines Neffen kann man ruhig sagen: ’t aß geroden. Hübsch hat ein vaterländisches Süjet gewählt und er hat wohl daran getan. Der Charakter, den er der ganzen Komposition aufzuprägen wußte, ist dadurch vertieft und ergänzt. Leute, denen man in ihrem kleinen, trauten Kreis das Glück ansieht, wie dieser Familie, singen mit Recht, daß sie bleiben wollen, was sie sind.

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    Katalognummer BW-AK-008-1723