Original

1. Oktober 1920

Wir lasen in ausländischen Blättern Berichte über die Vorgänge beim Eintritt der früheren Großherzogin Marie Adelheid in ein italienisches Kloster.

Mit dem Augenblick, in dem sich hinter ihr die Klosterpforte schloß, war sie der Welt abgestorben. Sie hat damit das Recht erworben, wenigstens von den Zeitungen in Ruhe gelassen zu werden, denen, die ihr schlecht und zumal denen, die ihr gut gesinnt waren.

Aber ihr Fall ist geradezu verlockend für Legendenbildung jeder Art. Sie muß unfehlbar ihren Dichter finden, wie der Pilgrim vor St. Just, wenn es auch kein Platen sein dürfte. In ihrer kurzen weltlichen Laufbahn liegen epische und dramatische Keime wie kaum je in dem Schicksal einer Frau auf der Höhe des Lebens. Sie gehört in die Reihe Jeanne d’Arc, Maria Stuart, Heilige Elisabeth, Genoveva usw., sobald sie von Dichters Gnaden hinein versetzt wird.

Dieser Legendenbildung soll niemand ein Hindernis in den Weg legen. Wenn die Dichtung ein Menschenschicksal in Schönheit verklärt, soll sich die Menschheit über das bischen mehr Schönheit freuen.

Möge die Dichtung etwaigen späteren Kanonisterungsvelleitäten des Hl. Stuhles zuvorkommen und aus diesem merkwürdigen Fürstenkind eine Heldin machen, ehe er aus ihr eine Heilige machen kann. Denn die Jungfrau von Orleans von Schillers Gnaden ist schöner und größer, als die Heilige Johanna.

Solang also die beregte Legendenbildung sich auf romantisches Ausbauen vorhandener Ansätze beschränkt, ist nichts dagegen einzuwenden.

Aber man muß ihr entgegenwirken, wenn sie auf das Gebiet der Geschichte übergreift und Zusammenhänge fälschen will, die im Interesse der weiteren Wahrhoit nicht gefälscht werden dürfen. Wenn sie das Bedürfnis empfindet, neben die Genoveva einen Goko eigener Erfindung zu setzen.

Hiergegen darf man protestieren, ohne gegen die Regel de mortuis nil nisi bene zu verstoßen.

Man hört vielfach in diesen Tagen, daß die Umstände, die zum Rücktritt der Großherzogin Marie Adelheid geführt haben, schon jetzt verschleiert und verwirrt werden. In Kreisen, die vielleicht nicht mehr als Hofkreise angesprochen werden können, die aber der abgegangenen Großherzogin nahe und am nächsten standen, soll jener Rücktritt so dargestellt werden, als sei er auf innerpolitische Konflikte zurückzuführen. Man habe die Großherzogin Marie Adelheid aus dem Lande gejagt, weil sie es mit ihrem Gewissen nicht habe vereinbaren können, zur Verbannung der Religion aus der Schule die Hand zu bieten.

Wer die Verhältnisse kennt, lächelt darüber. Er weiß, daß zur Zeit jenes Rücktritts die Klerikalen im Land allmächtig waren und kein innerpolitischer Konflikt seine Lösung gegen die klerikale Landesfürstin hätte finden können. Er weiß, daß der Hebel, der Marie Adelheid vom Thron hob. vom Ausland her bedient wurde und daß die Gründe, denen sie weichen mußte, mit Religion und Schule nicht das mindeste zu schaffen hatten.

Die klerikale Regierung von damals, die noch heute am Ruder ist, muß wissen, wie und warum sie sich entschloß, einen Teil zu opfern, um das Ganze zu retten. Aber wenn sie es weiß so, hat sie sich, schweiggewaltig wie Herr Reuter bei Bedarf sein kann, bis jetzt immer geweigert, es zu sagen.

Aber soviel kann, wie gesagt, hier jedes Kind feststellen: daß Marie Adelheid nicht aus dem Land gejagt wurde, weil sie die Hand nicht zur Entchristlichung der Schule bieten wollte.

Wer das Gegenteil behauptet, sagt eine Dummheit, wenn er nicht, und eine Lüge, wenn er richtig Bescheid weiß.

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    Katalognummer BW-AK-008-1734