Original

2. Oktober 1920

„....... Ich bin kein Quängler und Querulant, wahrhaftig nicht, ich will Ihnen nicht das Lied vom guten Mieter und vom bösen Hausherrn vorsingen. Aber wenn Sie erwas für mich tun könnten! Die Sache ist nämlich die: In der Kammer war dieser Tage lang und breit von Ettelbrück die Rede, und daß es im Land als ein Schimpf gilt, dorthin zu müssen. Bitte bitte, legen Sie bei Herrn Büffet’ ein Wort für mich ein, damit ich hin darf. Ich werde am nächsten Ersten mit Frau und Kind aufs Pflaster gesetzt, ich weiß nicht, wo wir unterkommen sollen. In Ettelbrück sagen sie, stehen ganze Pavillons leer. Dahin dahin, o Mutter, laß mich ziehn! Denn sehen Sie, jedesmal, wenn ich nach Ettelbrück fuhr, per Bahn oder über die Landstraße, fraß mich der Neid, wenn ich sah, wie diese ganze Villenkolanie, die die Landes-Heilanstalt heißt, die verlockendste Wohnlichkeit ausströmte. Das ist es, die Wohnlichkeit! Wohnen ist eine Kunst, zu deren Ausübung ein geeignetes Instrument gehört. Es gibt Häuser und Viertel, die sich zu einem solchen Instrument verhalten, wie eine Holzpantine zu einem Stradivarius, es gibt andere, die vor Wohnlichkeit ganz von selbst klingen. Zu diesen gehört die Ettelbrücker Anstalt. Schon wie nach der Straße zu alles von Blumen überquillt. Und wie zur Bahnseite die einzelnen Villas im Raum stehen, wie gewachsen! Es ist Harmonie ohne Viereckigkeit. Ein Zusammenklang, in den man sich hineinsehnt, wo man doch sonst manchmal das Empfinden hat, daß man überall zwischen Hammer und Amboß sitzt.

Und da sagen sie in der Kammer, Ettelbrück sei kein Platz für Nervenkranke! Ich habe einen Herrn gekannt, einen sehr talentwollen und geistreichen Mann der Feder, der sich einmal aus freien Stücken vor seiner Neurasthenie nach Ettelbrück flüchtete und von dort kerngesund, mit vollen Backen und seinem ganzen Humor zurückkam. Er denkt an Ettelbrück zurück, wie an ein Idyll, wie wir an die See oder an die Berge.

Das Geräusch der Bahnzüge dicht daneben? Ach du lieber Himmel, wer davor Angst hat, hat nie mit Menschen zusammen gewohnt, die ihm das Leben sauer machten. Wir hatten im Erdgeschoß die Familie des Hausherrn, als Flurnachbarn einen Kollegen nebst Gattin, über uns einen Trunkenbold von Geschäftsreisenden mit seiner Mutter. Ich möchte nicht in Einzelheiten eingehen. Zuerst war alles in schönster Ordnung. Aber Sie wissen, die Berührung mit Seinesgleichen taugt dem Menschen auf die Dauer nicht. Nach einem Jahr war im Hause einer des andern Teufel. Ich will Ihnen eines sagen: Das Leid, das die Menschen einander tun, ist nicht halb so schlimm, wie das Leid, das einem die eigenen Gedanken zufügen, indem man hinter den andern immer die gemeinste Niedertracht wittert. Und da liegt’s: Die Dinge sind nicht niederträchtig, wenigstens trauen wir ihnen keine Niedertracht zu. Wenn Sie nachts vom Dröhnen eines Zuges wach werden, denken Sie nie: Das tut der, um Dich zu ärgern! Geht aber im zweiten Stock der Mann, mit dem Sie abends einen Wortwechsel hatten, die ganze Nacht über Ihrem Schlafzimmer spazieren, am einen Fuß einen Pantoffel, am andern einen genagelten Schuh mit Doppelsohlen, so bekommen Sie unsehlbar Mord- und Selbst- mordgedanken. An das Geräusch der Bahnzüge gewöhnt sich der Nervenkranke, aber nicht an die Nähe von Menschen, denen er mit Recht oder Unrecht Heimtücke, Dummheit, Hochmut, Verbrecherinstinkte, Muckertum, die ganze Musterkarte von Tugenden desselben Kalibers zutraut.

Aber ich bin noch nicht ganz soweit. Ich bin noch kein Patient, nur ein armer Teufel ohne Dach überm Kopf. Und ich möchte für mein Leben gern einmal in einem der Ettelbrücker Pavillons wohnen. Wenn Sie etwas für mich tun könnten .......“

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    Katalognummer BW-AK-008-1735