Jeder dritte Mann, mit dem man sich in diesen Tagen in ein Gespräch verhäkelt, richtet einmal den Blick gen Himmel und sagt: „Das Wetter ist günstig, die Mosel kann lachen.“
Es ist erstaunlich, welch rührende Teilnahme das ganze Land am Schicksal der Mosel nimmt und wie jeder das Wetter um diese Zeit immer sub specie des nahen Herbstes betrachtet. Die Rebe ist der Nachzügler im Jahr, wenn alles unter Dach und Fach ist, muß sie noch draußen stehen und ihre Kinder den letzten Sonnenstrahlen entgegenhalten.
Dies allgemeine Interesse an der Mosel erschöpft sich leider in den Worten, die man über das günstige oder ungünstige Herbstwetter wechselt. Der Moselwein, der unser Nationalgetränk sein sollte und könnte, wird über die Schulter angesehen, stellenweise verachtet. Man hält ihm das Beispiel des fremden Pinard als eines Musterknaben vor, rümpft über ihn die Nase und weist ihm die Tür.
Und doch ist unser Moselwein der erste, der uns in die Nase geduftet hat, der erste, der als Wein in unser Leben getreten ist. Wer von meinen Lesern war in seinen jungen Jahren nicht Meßdiener? Wer erinnert sich nicht des herben, frischen Dustes, der ihm entgegenhauchte, wenn er dem Herrn Pastor aus dem Weinkännchen das funkelnde Naß in den Kelch goß? Wer kennt nicht die Geschichte von dem alten Pfarrer, der beim Wein sagte: Schitt schitt! und beim Wasser: Ke’er d’Baach dran! Dieser Meßwein war uns lange „der“ Wein. Es mußte reiner Traubensaft sein, vinum de vite. Fragen Sie Ihren Herrn Pastor, ob er es riskieren würde, mit Pinard seine Messe zu lesen.
Ob das Wetter für die Rebe günstig ist oder nicht, können wir von hier aus nicht immer beurteilen. Oft, wenn unserer Auffassung nach die strahlende Sonne jeden Tag ein paar Grad Oechsle wirken müßte, macht der Winzer ein betrübtes Gesicht und sagt: Die Trauben kriegen nichts aus dem Boden. Sie sind ihm die Kinder, die an trocknen Mutterbrüsten saugen. Wenn schon einer sagt: Die Trauben - so ist es meist gefehlt. Sagt er aber: „d’Draiwercher“, dann geht alles nach Wunsch. Die „Trauben“, das sind Patientinnen, um die man sich sorgt, die „Träubchen“, das sind die pausbackigen, muntern Rangen, bei deren Anblick Vater und Mutter das Herz im Leibe lacht.
Heuer lachen manche Herzen nicht. Der 20er mag ja noch ein süffiges Weinchen werden, wie Freund Schang von Ehnen zu sagen pflegt, aber dem Winzer ist zumut, wie einem Vater, der ein paar junge Mädchen hat, eine netter, als die andre; die jüngste verspricht ein Bild von einem Mädel zu werden, aber der Freier darf nicht über die Grenze, und dabei sind die älteren Geschwister auch noch nicht versorgt! Eine Affenschande! Zumal für die älteste Schwester. Findet sich denn nicht wenigstens für die ein Landsmann, der einsieht, was er an ihr hätte und wie er mit ihr glücklich würde!
Aber so liegen die Dinge. Es heißt, Deutschland muß 5000 Fuder zollfrei hinüberlassen. Aber es müßte jemand da sein, der unsrer Forderung gegen Deutschland Nachdruck verschaffte, entweder Belgien oder Frankreich. Leider sieht es immer mehr aus, als hätten wir uns zwischen Frankreich und Belgien in den Dreck gesetzt. Mit Belgien soll die Sache aufgeschoben sein, bis Herr der Wäha aus Amerika zurückkommt. Vielleicht bringt er in der Brusttasche einen Zollvereinsvertrag mit Amerika mit?
Inzwischen kagern in den Kellern unsrer Winzer noch ungezählte Fuder des köstlichen Siebzohners, der ältesten Schwester. Für drei Francs die Flasche könnte sich heute jeder Luxemburger einen Vorrat des gesündesten, bekömmlichsten Weines anlegen, mit dem er bei jedem Kenner und Schätzer eines guten Naturproduktes Ehre einlegen würde.
Die Mosel steht vor einer schweren Krists. Aber wer die Moselaner kennt, weiß, daß das sie nicht klein kriegt. Mir begegnete dieser Tage ein Landsmann von der Mosel, der lange in Paris gelebt hat und trotz Pinard und Bordeaux und Burgunder dem Gewächs seiner Heimat treu geblieben ist.
„Was fangt Ihr mit dem vielen neuen Wein an,“ frug ich ihn, „wenn ihn keiner kaufen will?“
„Getrunken wird er doch!“ sagte er ruhig, aber fest. „Und der „Deifenker“ holt den, der meinen Teil trinkt!“