Wenn wir die Schilderungen von Reisenden, Missionaren oder Phantasten aus sogenannten wilden Gegenden lesen, die noch im Verdacht des Kannibalismus stehen, so erfüllt uns ein Gefühl der Eingebildetheit auf unsere Kultur und Zivilisation. Wir verachten oder bemitleiden, je nach Temperament, jene armen Wilden, die noch im tiefsten Dunkel der Unkultur wandeln, die zu ihren Nebenmenschen sich stellen, wie ein wildes Tier zum andern, nichts von der Welt wissen, die hinter ihren Bergen und Urwäldern liegt und sich in ihrem Aberglauben ein Leben aus Grausamkeit und Angst zurecht machen.
Wir haben- gar keinen Grund zu solcher Überhebung. Wenn wir bedenken, daß ein gütiges Geschick an uns Mitteleuropäern seit Jahrtausenden herummodelt, um aus uns Prachtstücke der Schöpfung zu machen, so muß uns schaudern bei der Feststellung, wie wenig weit uns diese Jahrtausende alte Kultur noch von dem Urzustande der Wilden hinweg erzogen hat. Wenn wir z. B. lesen, daß im Herzen Europas, in einem Ländchen, dem nie durch Gewohnheit an Kriege die Lust am Totschlagen zu einer patriotischen Tugend geworden war, in einem idyllischen Dorf, in dem ein frommer Diener Gottes seit Jahrzehnten die Leute auf die Pfade der Tugend zu drängen sucht - daß dort Menschen einen Menschen auf den Kopf hauen, bis sie ihn für tot halten und ihn dann über eine Hecke in die Brennesseln wersen - wenn wir das lesen, muß uns dann nicht die Scham darüber beschleichen, daß wir über die sogenannten Wilden die Nasen rümpfen?
In dieses Kapitel gehört eine äußerst erbauliche Geschichte, die mir kürzlich von beteiligter Seite erzählt wurde.
Ein junges Mädchen aus einem luxemburgischen Moseldorf hatte im zweiten oder dritten Kriegsjahr jenseits der Mosel im Feld gearbeitet und wartete auf ihren Bruder, der mit dem Wagen die Ernte einfahren sollte. Da kam aus dem nahen preußischen Dorf ein Mann in Uniform per Rad, betrachtete sich die junge Luxemburgerin von allen Seiten und forderte sie schließlich im Namen des Gesetzes auf, ihm zu folgen. Sie wollte wissen, warum, aber er antwortete nur, sie werde es schon noch erfahren. Im Dorf sammelte sich im Nu eine aufgeregte Menge um die Beiden, stieß Flüche und Drohungen aus und machte Miene, unserer Landsmännin an den Kragen zu gehen. Zum Glück kam ein Mann dazu, der sie kannte, und da er irgend einen militärischen Charakter hatte, vermochte er, die Menge zu bändigen. Inzwischen traf von hüben auch der Bruder mit dem Leiterwagen ein, sodaß an der Identität der Verhasteten kein Zweifel mehr bestehen konnte.
Jetzt stellte sich heraus, was sie verbrochen hatte. Im Dorf war das Gerücht entstanden, morgens seien mit dem Zug ein Engländer und eine Engländerin gekommen, um Coloradokäfer in die deutschen Kartoffeläcker zu säen. Man hatte die blonde, resolute junge Luxemburgerin für die Engländerin mit den Coloradokäfern gehalten!
Ich verpfände mein Chrenwort, daß an dieser Geschichte jedes Tüpfelchen auf genauer, verbürgter Wahrheit beruht.
Ich empfehle sie Herrn Lissauer als Valladenstoff. Er könnte damit seinen Haßgesang gegen England auf humorvolle Weise wieder gutmachen.