Burg Eltz ist abgebrannt.
Es mutet einen fast an, als sagte jemand; Der Mond ist verbrannt. Etwas Kostbares, Einzigartiges, das der ganzen Kulturwelt zu eigen gehörte, an dem sich jährlich tausende mit wissendem Geist oder mit ahnendem Gemüt erfreuten, ist plötzlich nicht mehr da. Eine Brücke in versunkenes romantisches Land ist abgebrochen. Ein Strich ist unter einen Geschichtsabschnitt gezogen.
Viele Luxemburger sind auf dem Waldpfad von Moselkern an dem rauschenden Bach zur Burg hinaufgewandert oder von Münstermalfeld die Straße her gefahren. Ich hielt es mit dem Waldpfad und dem Wandern. Es war eine würdigere Vorbereitung auf das Märchen, das einen erwartete.
Ich wundere mich nicht, daß Burg Eltz abgebrannt ist. Ich meine, zu hören, wie sie dem Lieschen, der alten Beschließerin, die hoffentlich noch wohl und munter ist, ihren Entschluß, aus der Welt zu scheiden, mitteilt.
„Jesus, Marja!“ sagt das Lieschen erschrocken, „Ihr werdet doch das nicht!“
„Doch,“ sagt die Burg, „es ist meines Bleibens nicht mehr in der Welt von heute.“
Das Lieschen versucht, die Burg von ihrem Vorhaben abzubringen. Es erinnert sie an ihre glorreiche Vergangenheit, an die Zeit vor mehr als tausend Jahren, wo der Graf Georg von Eltz sie erbaute, und an den schönen blutjungen Grafen in Ungarn, dem sie heute gehört und der den Verlust sicher kaum verschmerzen würde, meint das Lieschen. Es gerät immer mehr ins Feuer und spricht davon, wie Ludwig XIV. die Burg auf die Fürbitte seines Feldmarschalls Johann Anton von Eltz-Uettingen zu verschonen befahl und vor dem großen Burgenbrecher Boufflers rettete, wie die jungen Generale der ersten französtschen Republik, Marceau und Hoche, so großes Gefallen an ihr fanden, daß sie später zurückzukehten gedachten und deshalb für die Erhaltung der Burg sorgten. Und das Lieschen spricht mit Tränen in den Augen und bebender Stimme von der fernen Zeit, wo es als junges Mädel zur Frau Oberförsterin auf die Burg kam und mit jedem Winkel vertraut wurde, wie die Jahre kamen und gingen und die Menschenschicksale durcheinander woben, und wie die Burg immer höher in den Himmel zu wachsen schien, über die Schicksale der Menschen hinaus. Und nun dürse es doch nicht sein, daß das auf einmal nicht mehr wäre, das ginge doch einfach nicht und das Lieschen verbitte sich das ganz energisch. Denn es konnte auch sehr energisch werden, wenn es sein mußte.
Aber die Burg blieb fest.
„Was soll ich noch hier!“ fragte sie elegisch. „Meine Zeit ist längst um. Die Welt von heute versteht mich nicht mehr. Sie hat keinen Sinn mehr für das Einzigeine, sie ist die Welt der Masse und Gleichheit. Ich lebe in beständiger Angst, daß mich ein Kettenhändler kauft. ...... Doch, rede mir nichts drein, altes Lieschen. Ich bin noch älter als du und weiß Bescheid. Ich lese keine Zeitungen, aber ich weiß genau, was in der Welt vorgeht. Wir alte Burgen sind so, wir fangen den Geist der Zeit mit unsern Mauern auf, wie mit Antennen. Siehst du, altes Lieschen, ich weiß sogar, was Antennen sind. Laß mich sterben in Schönheit, wie ich gelebt habe. Laß mich in Flammen sterben. Meine Türme und Firste waren ja immer wie starre Stichflämmchen, die im Sonnenglast gen Himmel züngelten. Ich will verbrennen. Ich will nicht leben in einer Welt, die alles breit und eintönig einebnen will, die alles Ragende und Einzige haßt und bespuckt und totschlägt. Adieu altes Lieschen. Grüße mir alle, die mich lieb hatten, sage ihnen, sie sollen mich lieb behalten und manchmal an mich denken. Ich werde in ihrer Erinnerung schöner sein, als ich je in Wirklichkeit war.“
Die Stimme der Burg wurde zum leisen Geknister im Gebälk und es war die höchste Zeit, daß sich das alte Lieschen in Sicherheit brachte.
Und so ist Burg Eltz in Flammen eines freiwilligen Todes gestorben.
Wir könnten hierzuland in der Burg Clerf ein bescheidenes Gegenstück zur Burg Eltz haben, wenn deren Besitzer keine Philister wären. Aber sie haben ihrer schönen Stammburg die edelsten Teile aus dem Leib gerissen und lassen sie jetzt im hellen Tag verwesen, wie ein Riesenaas.
Ein Glück noch, wenn sie ein Kettenhändler kaufte und vor gänzlichem Einsturz bewahrte.