In der Vorhalle des Cercle drängen sich die Neugierigen um die Entwürfe zum Denkmal für die luxemburger Legionäre. Es ist nicht dasselbe Pubilkum, wie sonst bei Kunstausstellungen. Es sind viele einfachen Leute da. Denn dies Werk ist ein Werk, das Beziehungen zu den Tiefen des Volks hat. Dieser schlichte, alte Mann, der am Stock um die Gipsmodelle humpelt und nicht weiß, was er daraus machen soll, ist vielleicht der Vater eines gesallenen Legionärs, jenes Mütterchen trägt vielleicht einen abgegriffenen, ganz zerlesenen Brief in der Tasche, in dem sie ihr schreiben, daß ihr Nikela in Belloy-enSanterre in einem Massengrab liegt.
Doch nicht von diesen wollte ich reden, sondern von denen, die diese gipsgewordenen Träume von Ruhm und Schönheit aus Wappenlöwen, schlanken Obe- lisken, Säulenhallen, heldenhaften Posen von Kriegern, spiegelnden Wasserbecken, diese Träume von Feierlichkeit und Pathos und Denkmalsrhetorik geträumt haben. Sie sind über ein Dutzend. Sie haben jeder sein Bestes und Höchstes an seinen Entwurf gesetzt. Und nur drei davon sind preisgekrönt. Alle andern sinken mit einemmal zurück in leere, schwarze Anonymität, in bittere Enttäuschung - wenn sie nicht Humor genug haben, sich über den Mißerfolg hinwegzusetzen oder Selbsterkenntnis genug, um überzeugt zu sein, daß diese Jury aus Kunstschustern bestand, die weder von Architektur noch von Bildhauerei einen blassen Dunst haben. Schimpfen ist in solchen Fällen ein überaus bekömmliches Sicherheitswentil.
Im Ernst: Die Künstler und sogar die Stümper, die sich am Wettbewerb beteiligt, aber vor den Augen der Jury keine Gnade gefunden haben, hätten eine Belohnung für ihre Mühe verdient. Jeder Künstler schafft im Hinblick auf die Anerkennung, die ihm zuteil werden soll. Findet er keine Anerkennung, so bleibt ihm die Kritik als Genugtuung. Lieber wird er heruntergerissen, daß die Fetzen fliegen, als daß er totgeschwiegen wird.
Hier aber sind alle, die von der Preisjury ausgeschaltet wurden, einfach totgeschwiegen. Totgeschwiegen von der Instanz, der sie sich freiwillig gestellt hatten. Ein Kunstwerk, das im freien Schaffen auf den Markt gebracht wird, hat als Instanz die ganze berufsmäßige Kritik und in weiterem Sinne das ganze Publikum, kunstverständig oder nicht. Ein Künstler, der sich an einem Wettbewerb beteiligt, erkennt die Preisjury als obersten Richter an. Ist ihr Urteil gefällt, so ist für ihn die Hauptsache erledigt. Die Kritik der Berufsbonzen und des Publikums kommt dann aus zweiter Hand, ihr fehlt die schöne Unbefangenheit, die auf Unmittelbarkeit des Urteils beruht. Kurzum, dieser Künstler steht mit seinem Werk in einer Art Sackgasse. Er hat Wochen, Monate lang gearbeitet und gehofft, und nun soll alles dem Nichts verfallen. Denn ein Denkmal verkauft sich nicht anderweitig, wie eine Hose, die auf Maß gemacht und vom Besteller verweigert wurde.
Die Abgewiesenen möchten wenigstens wissen, was die Jury von ihrer Arbeit hält. Die strengste Kritik ist gegen gar keine eine Wohltat, eine Erlösung. So weiß einer, der vielleicht nur auf einen Punkt oder eine Stimme hin unterlegen ist, nicht einmal, ob die Jury seine Arbeit über oder unter den schändlichsten Zuckerbäckerkitsch der Ausstellung klassiert hat.
Was ich für die Durchgefallenen vorschlage, ist dies: Die Jury soll über jede Arbeit ein knappes, kurz begründetes Urteil abgeben, das veröffentlicht würde. Die Berufskritik geht bei Ausstellungen ja auch auf zahllose Einzelwerke ein, warum sollen hier die beteiligten Künstler nicht erfahren, welche Stelle sie in der Beurteilung des Preisgerichtes eingenommen haben?