Original

8. Oktober 1920

Da wir gerade in einer Art Denkmalsperiode begriffen sind, ist Gelegenheit zu einer Anregung gegeben.

Anregungen in der luxemburger Presse helfen erfahrungsmäßig nicht viel. Es genügt, daß einer einen Anstoß gibt, damit die andern sich ihm quer über den Weg legen. Die Presse erreicht vielleicht manchmal etwas, wenn sie einig vorgeht, wenn sie miteinander in ein Horn stößt gegen einen Mißbrauch oder für eine Idee. Aber hier bläst jeder in sein Privathörnchen, weil er Angst hat, für einen andern Reklame zu machen.

Dies vorausgeschickt, gehe ich also ohne große Zuversicht dazu über, mein Anliegen vorzubringen.

Ich meine nämlich, das allernächste Denkmal, das wir errichten müßten - nach oder mit dem für die luxemburger Legionäre - wäre das für Michel Rodange.

Als Dicks gestorben war, setzte gleich hier die Propaganda für ein Dicks-Denkmal ein und relativ rasch war eine ansehnliche Summe zusammengebracht. Da starb Lentz, und sein großer Gönner Paul Eyschen bängte die Idee eines Lentzdenkmals sofort der andern an die Rockschöße. Daraus wurde dann das Scheusal von Dicks-Lentz-Denkmal, das nicht Fleisch und nicht Fisch ist. Paul Eyschen unterschob dem ersten Gedanken an ein Dicks-Denkmal nicht nur den an ein Lentz-Monument, sondern er brachte es fertig, beide in den Hintergrund zu schieben und an deren Stelle die sogenannte Vaterlandsidee zu setzem Als ob die es nicht wert gewesen wäre, daß man ihr einen eigenen Gedenkstein gesetzt hätte, ohne sie mit Mumm Se’ß und Feierwon zu verquicken!

So haben wir houte das National-Mirliton, um das sich der Spruch windet, daß wir bleiben wollen, was wir sind.

Der Politiker und Utilitarift Eyschen wollte von einer Huldigung an die zwei Nationaldichter in literarischem Sinn nichts wissen. Sie hatten für ihn nur insofern Bedeutung, als sie im Volk den Nationalitätsgedanken, alias Vaterlandsliebe zu wecken und zu stärken geeignet waren. Und da Lentz dies viel deutlicher besorgte und in seinen Liebesgedichten an die Heimat gleich auf’s Ganze ging, war er für Paul Eyschen weitaus der Größere der Beiden. Der Staatsmann, der mit deutlichen Wirklichkeiten zu rechnen gewöhnt war, hatte kein Verständnis dafür, daß es noch andre, wirksamere Mittel gibt, dem Luxemburger seine Heimat lieb und wert zu machen, als daß man die patriotische Fieber anhaltend in Schwingung versetzt. Ein solches Mittel ist z. B., aus dem Geist und Herzen des Volkes zu ihm reden, volkstümliche Werte der Heimat in dichterischer Schönheit oder in Humor verklären, dem Volk unbewußt klar machen, daß es eine Heimat voll schönen oder herben Menschtums hat, eine, die sich von andern als etwas eigenes unterscheidet.

Das hat Dicks getan, und das hat erst recht Redange im „Renert“ getan. Und wenn einem Luxemburger ein Denkstein geschuldet war, so war es Michel Rodange.

Ein Glück nur für ihn, daß sein Stern damals, als das Dicks-Lentz-Denkmal entstand, noch nicht so weit, wie heute, über den Horizont heraufgestiegen war. Sonst war er wahrscheinlich als Dritter auf das Medaillon gekommen. Das wäre grotesk gewesen. Es ist schon grotesk genug, daß man die beiden, Dicks und Lentz, die innerlich nichts mit einander gemein hatten, zusammen Wange an Wange auf ein Monument geklebt hat. Man sollte diesen Wechelbalg von Denkmal so bald wie möglich ins Pfaffentaler Museum stellen und jedem von den dreien, dem Rodange, dem Dicks und dem Lentz weit von einander einen eigenen Stein errichten.

Vorläufig aber ist unsre Schuld an den Dichter des „Renert“ überfällig. Und es sollte von keinem Monument unter uns mehr die Rede sein, solange er nicht den Stein hat, der des Schriftdenkmals würdig ist, das er sich selbst im „Nenert“ gesetzt hat.

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    Katalognummer BW-AK-008-1740