Ich begegne in diesen Tagen vielen Bekannten, die nach den üblichen Begrüßungsformeln stehen bleiben, grimmig dreinschauen und die Faust gegen den Himmel ballen, der sich blau, blau, blau, mit ein wenig flaumigem Wolkengefieder, über die Welt spannt.
Das tun sie, sagen sie, weil ihre Ferien verregnet waren und weil sie mit dem herrlichen Oktoberwetter jetzt nichts mehr anzufangen wissen.
Es ist freilich fatal, wenn einer in solch idealen Oktobertagen an Stube und Pult gefesselt ist. Einen Spätherbst, wie diesen, erleben wir alle zwanzig Jahre einmal. Wenn einer etwas ganz Besonderes kostet, sagt er wohl: Man sollte Geld bei der Kirchenfabrik leihen, um davon zu kaufen. Heute möchte man sagen, man sollte sich krank melden, um die Kreuz und Quere durchs Land zu wandern, vom Scheuerberg zum Helperknapp und vom Helperknapp ins Ösling und nach Vianden und nach der Mosel wo das Wunder geschieht, daß der Oktober brät, was der August nicht kochen wollte.
Ich denke an solchen Herbsttagen, wo morgens die Welt voll eines silbrigen Nebels ist, wie ein Hirn voll Schlaftrunkenheit - da denke ich immer und unfehlbar an die Ufer des Genfer Sees wie ich sie einmal um diese Zeit vom Schiff aus im Dunst liegen sah, in sanfter, leiser Färbung, daß man meinte, eine Liebkosung in den Augen und in den Handflächen zu spüren.
Nicht ein jeder kann sich jetzt ein Billet nach Genf oder Lausanne oder Montreux kaufen. Aber man muß sich zu bescheiden wissen. Wenn ich nicht an den Genfer See fahren kann, tue ich es billiger und gehe an die Petruß. Sie ist kleiner und auch im Geruch macht es stellenweise einen Unterschied, aber so ganz nahe braucht man ja nicht heranzugehen. Unser Petrußtälchen grade an der Neuen Brücke ist reizend, wert, daß ein Forellenbächlein es durchflösse. Übrigens gab es früher in der Petruß Forellen und es ist noch kaum ein Menschenalter her, daß man an der Oberpetruß Leute mit Angeln sitzen sah. Wir gehen viel zu selten ins Petrußtal. Unzählige Luxemburger könnten durch eine Promenade dort hinunter sich den Eindruck verschaffen, als seien sie irgendwo in der Fremde, hundert und mehr Stunden von Luxemburg. Das ist es ja, was am Reisen erfrischt, das Gefühl, dem Alltag, dem allzu oft Gesehenen und Gehörten entrückt zu sein. Stelle Dich z. B. unter die Neue Brücke, laß die Wucht der Ausmaße, die merkwürdigen und vielfältigen Überschneidungen, das Ungewohnte des Anblicks auf Dich wirken und Du bist Tagereisen weit aus der gewohnten Umwelt hinaus versetzt.
Wir begehen an uns das Verbrechen, daß wir uns freiwillig in allerhand Gewohnheiten und Tretmühlen einkerkern. Gehst Du nicht freiwillig jeden Tag zur selben Stunde denselben Weg, sitzest Du nicht jeden Tag zur selben Stunde am selben Tisch und hast um Dich dieselben Gesichter und führst dieselben Reden? Wo um Dich herum tausend und eine Möglichkeiten der Abwechslung sind! Du wohnst z. B. drüben auf dem Feldchen sagen wir in der Augustinerstraße. Jeden Mittag Glock zwölf setzest Du Deinen Hut auf, gehst über die Neue Brücke (rechtes Trottoir, beileibe nicht links), biegst rechts in den Hollericher Ring ein, wechselst beim Neubau Huß quer über die Straße und husch bist Du unten links um die Ecke. Das tust Du so vom 1. Januar bis 31. Dezember. Nicht einmal fiele es Dir ein, den kleinen Umweg durch das hübsche Tal zu machen, andere Eindrücke zu bekommen, vielleicht ein liebes kleines Erlebnis mit nachhaus zu bringen, Dich innerlich aufzufrischen, Dich in innigerem Zusammenhang mit der „schönen wilden Welt“ zu fühlen, wie Richard Dehmel- sie nennt, nach Vollmenschtum zu streben. Nein, Du gehst vor Dich hin in Deiner selbstgewollten Enge und beneidest die, die das Geld haben, sich für 50 oder 100 Franken täglich in eine neue Umwelt zu versetzen. Und Du ahnst nicht, daß es um Dich her soviel Neues gibt, wie Du in einem ganzen Jahr nicht in Dein Erleben hinein zu packen vermagst!