Die Überläufer aus den Reihen der Staatsbeamten nach den fetten Pfründen der Industrie und Finanz mehren sich. Auf den klassischen Fall Nickels sind andre gefolgt. Ministergehälter werden zitiert und mit den Gehältern des „Armen Jang“ verglichen. Aufregung geht durch den Staatsbeamtenkörper, und jeder Einzelne möchte es als eine Beleidigung auffassen, daß nicht auch an ihn ein Ruf erging.
Die Erscheinung hat nichts Anormales. Die Betriebe vergrößern sich, neue schießen wie Pilze aus dem Boden. Es braucht Beamte. Industrie und Banken schöpfen aus dem großen Behälter der Staatsbeamtenschaft. Dort ist die größte Auswahl, es ist am leichtesten, sich über den Wert eines jeden Aufschluß zu verschaffen, und mit den Vorzügen der Staatsstellung hat der große Privatbetrieb eine leichte Konkurrenz.
Wer von der Nationalkrippe fort in den Dienst eines Privatunternehmens geht, weiß, was er tut. Von einem breiten Strom, der ölig behäbig zwischen flachen Ufern dahingleitet, kommt er auf einen Sturzbach mit bösen Schnellen und Ecken, auf dem es manchmal nicht leicht ist, die Fassung zu behalten, wo die Leute an Steuer und Ruder höllisch aufpassen müssen, damit sie nicht überholt werden oder nicht an einem Felsen ein Ende mit Schrecken finden. Da heißt es, alle Kräfte anspannen, da ist kein automatisch gesichertes Fortkommen, keine ruhige Gebundenheit, es ist das unablässige Reagieren der Kräste gegen einander, jeder verdankt das Niveau, auf dem er steht, seiner Eigenschwere, seinem Können und seinem Wollen, nicht einer starren Dienstordnung, nach der alle im gleichen Tempo vorrücken.
Diese Sicherheit und Stetigkeit des Aufrückens ist ja auch etwas wert, und manche sind eben so veranlagt, daß sie sich in solch zuversichtlich geordnetem Räderwerk wohler fühlen, als im dauernden Wettkampf. Freilich gibt es auch im Staatsbetrieb Stellen, an denen des Dienstes ewig gleich gestellte Uhr nicht maßgebend ist. Es kann auch im Staat Vorgesetzte geben, die ein nie erlöschendes Schaffensfeuer im Leib haben, die keine Bürostunden kennen, und die ein Schrecken für die Beamten sind, die ihnen in die Hand arbeiten müssen.
Nicht immer. Manchmal sind unter diesen Beamten solche, die an diesem beständigen Handgemenge, diesem Raufen sozusagen mit der Arbeit ihren Spaß haben. Und wenn ein Chef dies erkannt hat, sucht er solche Beamten zu begünstigen, ihnen Vorteile im Verhältnis zu ihrer Mehrleistung zu verschaffen. Dann geschieht es regelmäßig, daß sich das Gerechtigkeitsgefühl im Beamtenkörper dagegen aufbäumt und das Kampfgeschrei Kümül, Kümül! von den Wänden des Parlaments widerhallt.
Man faßt die Lage im Allgemeinen so auf, daß der Staatsbeamte weniger gut bezahlt ist, weil die Anforderungen seines Dienstes auf ein Durchschnittsniveau und ein Durchschnittstempo zugeschnitten sind, da der Staat gegen keine Konkurrenz aufzukommen habe, daß aber der Privatbetrieb auf Spitzenleistungen aus sein müsse, um nicht überboten zu werden.
Staatsbeamte, die Humor haben und ein beschauliches Leben einem Kampfdasein vorziehen, stellen ihre Leistungen sorgfältig auf jenen Durchschnitt ein und sagen, daß sie eben arbeiten, wie sie bezahlt werden. Solche Erscheinungen sind im Privatbetrieb ausgeschlossen.
Ist es nicht gut, daß Humor und Beschaulichkeit in unserm Zeitalter des Maximums in den Staatsbüros noch eine Zuflucht finden?