Jetzt ist an der ganzen Mosel die Weinlese voll im Gang.
Das ist eine Ernte, die sich mit keiner andern vergleichen läßt. Was sonst das ganze Jahr entlang eingefahren wird, ist dazu da, bei Mensch und Tier des Leibes Notdurft zu befriedigen. Die Weinernte dient höheren Zwecken. Sie ist soviel edler, als das übrige Einscheuern, wie der Rausch edler ist, als die Sattheit. Und sie wird mit größerer Sorgfalt umgeben, weil das kostbare Blut der Trauben nicht mit sich spassen läßt. Sie wirkt nach, weil die Ernte nicht still und trocken in den Scheuern liegt, weil der Geist in ihr rauscht und gärt und weil das edle Naß wie ein Königskind behandelt sein will, das an Sticklust und Unsauberkeit zugrunde ginge.
Jetzt ist an der Mosel ein wochenlanger Sonntag, der voll der schwersten Arbeit ist, aber doch ein Sonntag! Und heuer überdies ein Sonnentag. Alles blinkt in der Sonne wie frisch gestrichen. Die Radlerinnen, die die Straße dahin gleiten, sind farbig, wie Ostereier und wie die Blumen in einem Kornfeld. Zu Wotmeldingen, am Doktorshaus der wilde Wein ist wie seltsames Blutgerinnsel die Mauern hinauf. Und die beiden Pappeln rechts und links neigen ihre Zweigwedel weich in die Richtung des leisen Nordost, den sie an der Mosel Sonnenwind nennen. Der Doktor von Wormeldingen ist, glaube ich, der einzige Mensch im Land, der die Pappel als Zierbaum in seinen Garten gepflanzt hat, und er hat Recht. Denn sie hat Austrieb und erinnert in ihrem Bau an die monnmentale Zupresse.
Wenn ein Weinhändler wieder einmal um einen Namen für ein Wachstum verlegen ist, bringe ich in Vorschlag: Wormeldlager Doktor. Das klingt weniger kannibalisch, als Wormeldinger Herzblut, und man hat dabei die angenehme Vorstellung, daß einen der Trank kuriert, wenn man krank ist, und einen jedenfalls nicht krank macht, wenn man gesund ist. Da ja praesente medico - im Beisein des Arztes - nihil nocet - kein Rausch einen Kater zur Folge hat.
Der Herr Doktor möge mir verzeihen, aber als ich sein Haus am Sonntag so mitten in dem blaudunstigen, herrlichen Tal in der Nachmittagssonne liegen sah, stellte es sich herrisch mitten in meine Gedanken hinein. Und am vorlautesten war der wilde Wein, der mit seinem innig roten Geäder die Mauern hinauf dringt und keine Ruhe gibt, bis er sie ganz umsponnen hat.
„Siehst Du mich - sagte der leidenschaftliche rote Geselle - bin ich wilder Wein nicht eine ganz andre Nummer, als mein zahmer Bruder! Ihr macht soviel Aufhebens von ihm, weil er Euch Trauben trägt, die Euch Wein tragen, der Euch Geld trägt, das Euch Macht gibt. Er ist eine Sklavennatur. Er läßt sich von Euch in Reih und Glied stellen, läßt sich von Euch kommandieren und beschneiden und düngen und hat nun das davon, daß er in Euerm Dienst siech und krank und die Beute von Läusen und Pilzen und allerlei Ungeziefer geworden ist. Und dafür muß er sich mit ekelhaftem Zeug bespritzen und bestäuben lassen. Was hat der arme dumme Kerl denn von seinem Leben! Grade wenn es am schönsten wird, wird er dürr und fahl. Vor Jahren brachte er es wenigstens noch zu einer anständigen Herbsttoilette, aber seit dem Gespritz und Geschwefel ist es auch damit vorbei. Sieh mich an! Ich wuchre, wo ich will, ich bin schön und gesund und unnütz, wie eine junge Zigeunerin. Ich trag meine schwarzen Beeren nicht Euch Menschenvolk zulieb, aber ich behaupte, sie sind so schön, wie die geschwollenen Weintrauben meines zahmen Bruders. Ich hab keine Läuse im Pelz und bin nicht krank bis ins Mark, wie ein überlebtes Geschlecht, ich durchglühe den Herbst mit der Farbe des Lebens, während ich in Schönheit sterbe. Ihr achtet mich nicht hoch ich weiß, aber was liegt mir an Eurer Achtung! Es genügt mir, daß hier und da einer mich an seinem Gartengitter oder an seinem Haus ranken läßt und sein Auge an mir ergötzt. Ich bin der wilde Wein und möchte um die Welt nicht der zahme sein, den Ihr in Eure Keltern stampft und in Eure Fässer kerkert, Euch zum Genuß. Ich feire den Herbst auf meine Art, und er ist so schön, wie der andre.
Diese und ähnliche Neden führte der wilde Wein mit mir die Mosel hinüber und herüber. Er hat seinen Standpunkt, und seinen Standpunkt soll man jedem lassen.