Original

30. Oktober 1920

Mein Herr! Sie schreiben mir kurzerhand: Bringen Sie bitte einen Abreißkalender darüber, ob man bei einem Leichenzug den Toten oder die Lebenden grüßt.

Mein Herr! Man bestellt bei mir keine Abreißkalender, wie man ein halbes Pfund Käse im Laden bestellt.

Aber zufällig sagt mir Ihr Thema zu und Sie sollen Ihre Antwort haben.

Natürlich grüßt man den Toten und nicht die Lebenden. Wollen Sie den Beweis?

Ich kenne Sie nicht. Wenn Sie mir auf zwei Beinen begegnen, werde ich Sie also nicht grüßen.

Gesetzt aber, ich ginge grade vorbei, wenn Sie begraben werden. Ich hoffe für Sie, daß es noch sehr lange bis dahin dauern wird, aber gesetzt den Fall. Ich würde dann nicht erst lange fragen: Wer wird da begraben? (Ich frage schon deshalb nicht, weil mir ein Witzbold antworten könnte: Der im vordersten Wagen.) Ich würde ohne weiteres, sobald der Leichenwagen an mir vorbeiführe, den Hut abziehen und ihn wieder aufsetzen, sobald der Sarg mit Ihrem Leichnam vorbei wäre, selbst wenn der Prinzgemahl, die ganze Regierung mit Kammer und Staatsrat barhaupt hinter dem Leichenwagen einherschritten.

Man grüßt nur die Majestät des Todes.

Viele, vor denen im Leben kein Mensch das Haupt entblößt hätte, werden auf ihrem letzten Gang nach dem Kirchhof respektvoll gegrüßt. Sie grüßen jeden Toten de confiance. Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Ihre Frau sagt: „Wie! Grüßest du den da! Er hat mir gestern in der Trambahn auf den Fuß getreten und nicht einmal pardon gesagt!“

Ich frage mich, ob dieser Gruß an die Toten im Grunde nicht Feigheit ist. Da liegt einer, von dem man nichts mehr zu fürchten hat, den man nicht mehr zu beneiden braucht. Vor dem zieht man den Hut und beweist ihm Ehrfurcht. Ist die Geste nicht so billig, daß sie feig wird? Ich mache natürlich eine Ausnahme für die Fälle, wo wirkliche Pietät die Hand an den Hutrand führt. Aber einen toten Feind, einen toten Rivalen grüßen, dem man, lebte er, am liebsten ein Bein stellte oder die Zähne einschlüge - moralisch, natürlich - ist das nicht ein wenig Theatralik und Mangel an Aufrichtigkeit, also im Grunde Feigheit?

Erinnern Sie Sich an die Geschichte vom Herrn Kannitverstan? Ein guter Mann, der sich nach dem Besitzer eines Palastes in Amsterdam auf deutsch erkundigte, erhielt zur Antwort: Kannitverstan. Und als einige Straßen weiter ein Leichenzug vorbei ging und er frug, wer da begraben würde, lautete die Antwort wieder: Kannitverstan! Dem Mann tat es herzlich leid für den armen reichen Herrn Kannitverstan und er zog ganz sicher vor dem Sarg seinen Hut. Also grüßte er einen toten Holländer, von dessen Existenz er fünf Minuten vorher keine Ahnung hatte, und nicht die Leidtragenden, die hinter dem Leichenwagen schritten und über die Preise von Kaffee, Käse und Tabak salbungsvoll sich unterhielten.

Sie meinen vielleicht, man soll vor dem Schmerz und der Trauer der Familienangehörigen den Hut ziehen. Warum nicht? Aber das andere ist sicherer. Daß einer tot ist, weiß man so ziemlich bestimmt, wenn er nach dem Kirchhof gefahren wird. Daß aber diejenigen, die ihm schwarzgekleidet das letzte Geleit geben, über seinen Tod wirklich Schmerz empfinden, ist zwar in gewissen Fällen, aber lange nicht in allen zweifellos festzustellen.

Also: Wir grüßen den Toten. Es ist der letzte Gruß, auf den er rechnen kann. Die Lebenden haben immer noch Zeit.

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    Katalognummer BW-AK-008-1759