Original

31. Oktober 1920

Die Glocken protestieren.

Sie sollen zum ersten Mal der Politik dienstbar gemacht werden. Die Stichwahlen heute nachmittag sollen durch das Geläute aller Glocken der Gemeinde angekündigt werden. Dazu, behaupten sie, sind sie nicht da.

Ich höre den alten Bourdon von Liebfrauen, wie er vor sich hin brummelt: „Das fehlte mir noch auf meine alten Tage, daß ich Gemeindebotendienste tun soll! Die Welt ist auf den Kopf gestellt. Et aß fir ze baschten!“ Und wenn der Bourdon von Liebfrauen einmal geborsten ist, dann ist ein schönes Stück Vergangenheit auf ewig dahin.

Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango, so steht, könnte man sagen, im Kontrakt unserer Kirchenglocken. Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich.

Aber der Ruf an die Lebenden war nicht so gemeint, daß mit unsern Glocken Stichwahlen eingeläutet werden sollen. Herr Friedrich von Schiller selig wird sich in Walhall hinsetzen und ein neues Stück zu seinem Lied von der Glocke hinzu dichten müssen. Es gäbe sicher ein interessantes Gegenstück zur Feuersbrunst: Hört Ihr’s wimmern, hoch vom Turm? Das ist Stichwahl für Hamm und Rollingergrund! Durch der Hände lange Kette fliegt der letzte Laufzettel der Parteien! Hoch im Bogen spritzen die Agenten Wahlkügen! - Er zählt die Häupter seiner Lieben, Und sieh, ihm fehlen mehr als sieben. Und so weiter.

Wenn dieser Modus der Stichwahlverkündigung sich verallgemeinern sollte, müßte die ganze Lyrik umgedichtet werden. Die Kindheitserinnerungen, in denen die heimatlichen Glockenklänge eine so große Nolle spielen, bekämen für unsere Söhne und Enkel eine durchaus unsentimentale Beimischung. Den Älteten bedeuten die Heimatglocken reinste Poesie. Unsern Nachkommen werden sie auch Politik bedeuten. Es wird schmecken, wie Häting mit Himbeersaft. Der Dreizehnlinden-Weber hat die schönen Verse gedichtet: Die Weihnachtsglocken - die Weihnachtsglocken - o wie sie läuten, o wie sie locken. - Wir werden vielleicht eines Tages in einem Bändchen Wahlkampflyrik lesen: Die Stichwahlglocken (bis), o wie sie läuten, o wie sie locken!

Ich verstehe den Protest der luxemburger Glockenfamilie. Sie halten auf Tradition. Sie wissen, was es für ihren Ruf wert ist, daß sie bisher ganz und gar dem Dichter gehörten. Die einzige profane Angelegenheit, in die hinein sie verwickelt wurden, war im Notfall die Feuersbrunst, die ja auch in der Dichtung Heimatrechte hat, und der feierliche Einzug von Fürstlichkeiten und dergleichen. Aber so in den politischen Werktag heruntergezerrt werden, dazu am hellen Sonntag, das tut weh.

Auch Goethe könnte seinen „Faust“ nicht mehr mit dem Hereinklingen der Osterglocken anfangen, sobald der Glockenklang unter Umständen Gemeinderatsstichwahl in Hamm und Rollingergrund bedeuten kann.

Warum hatte man es so eilig, die Sirene abzumontieren? Die hat keinen poesieverklärten Ruf zu verlieren und sie hätte sich prächtig zu allerhand prosaischen Verkündigungen geeignet.

Ich bin bereit, ein Protestschreiben der luxemburger Gemeindeglocken und der Glocken des ganzen Landes gegen politische Profanierung mit beiden Händen zu unterzeichnen.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-008-1760