Original

4. November 1988

Drei Dinge wirken mit Zaubergewalt auf die Dörflerphantasie: das Meer, Amerika und Paris.

Das Meer und Amerika liegen dem Dörfler sozusagen außerhalb der Welt. Wenn ein Mann vor seinen Augen direkt in den Mond hinauf flöge, so wäre in seiner Vorstellung dieser Mann nicht so weit von ihm fort und nicht so sehr in einer andern Welt, wie wenn er übers Meer nach Amerika gefahren wäre.

Paris aber liegt für uns nicht aus der Welt, sondern dicht an unsern Herzen. Es ist ein Stück von uns, nahe, aber vielen unerreichbar. Wir haben einen Teil daran, Blut kreist von dort herüber und von hier hinüber. Es liegt eine halbe Tagereise weit hinter den Bergen. Wenn am luxemburger Bahnhof morgens ein Zug aus Paris einläuft, stehen Leute da, lassen zärtlich ihre Blicke an den Scheiben auf und ab gleiten, in denen sich gestern abend noch das Leben des Pariser Bahnhofs und die Hinterfronten der Pariser Straßen spiegelten.

Paris ist dem luxemburger Dorfbewohner der Inbegriff aller Wunder, die Menschengeist ersinnen und ausführen kann. Auf keine Großstadt paßt so die Definition, daß sie die Stätte jedes Maximums ist. Und auf dem Gipfel der Menschheit stehen die Pariser. Was sie tun ist immer das Höchste, Schönste, Beste, wenn es nicht umgekehrt die höchste, unerreichte Regation alles Hohen, Schönen, Guten ist. Ist das Essen nicht fertig, so macht man, wie die Pariser, man wartet, bis es fertig ist. Denn höret! Selbst die Pariser, die alles können, können nicht essen, bis sie etwas haben.

Paris ist die Etappe aller Etappen. Man sagt: „Siewe Stonnen hanner Pareis,“ und rechnet von Paris ab, wie wir im Kalender von Christi Geburt ab rechnen.

Der Traum jedes Dörflerlebens ist Paris. In diesen Jahren hat er sich Manchem erfüllt, der sonst nicht an seine Erfüllung zu denken wagte. Der Krieg hat Mut und Gewinn gebracht. Und eines Tages springt der Traum in die Erscheinung. Ein Wort, leicht hingeworfen, wird zum Kristallisationsknoten für den Vorsatz, in nächtlichen, schlaflosen Stunden wächst der Plan, und eines schönen Morgens beim Kaffee sagt der Pier: „Am Montag fahre ich nach Paris!“ Wie er sagen würde: „Am Montag fahre ich Mist in die „Gewännchen“.“

Er fährt. An der Kreuzgasse dreht er sich noch einmal um nach Frau und Kind. Dann beginnt der Kopfsprung in das Wagnis.

Paris überwältigt ihn, wie jeden, der zuerst eine Großstadt sieht. Aber es überwältigt ihn nicht durch Schwere und Wucht und ernste Majestät und Lärm. Es liegt nicht auf ihm, wie der Druck der lastenden Wassermassen auf dem Taucher, wie die Brutalität Berlins und Londons oder einer amerikanischen Großstadt. Paris - und das hat Wien einigermaßen mit ihm gemein - überwältigt durch Schönheit trotz seiner Riesenausmaße. Seine Masse ist nicht Geräusch, sondern Musik.

Aber mit dem allgemeinen Eindruck weiß der Mann des Volkes nichts in seinen Berichten anzufangen. Er klammert sich an Einzelheiten. An Dinge, die der Pariser nicht mehr sieht wenn er sie je gesehen hat, aber mit denen die Vorstellung derer daheim sich nähren läßt.

Verwandte in Paris führen den Mann aus der Provinz glücklich und stolz in ihrem Paris herum. Denn es ist ihr Paris. Sie haben Urheberrechte an dieser Stadt, der sie gehören und die ihnen gehört.

Und wenn der Pier wieder nachhaus kommt, färbt wochenlang Paris auf seine innere Stimmung ab. Wie das Bild der Sonne auf der Netzhaut hinter geschlossen Lidern stehen bleibt. Und wenn die Einzelheiten nach und nach erlöschen, so bleibt zuletzt wie eine Vision das helle Gesamtbild eines Straßenzugs, der Champs Elysées, der Place de la Concorde, des Jardin des Tuileries und des Louvre in der Erinnerung stehen und erscheint dem Heimgekehrten wie ein wolkenweißer Traum.

„Aber dort leben möchte ich doch nicht!“ sagt er mit dem Brustton der Überzeugung, und schenkt sich damit seiner Familie wieder.

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    Katalognummer BW-AK-008-1761