„Mitteilung. - Da wir durch die Milchlieferanten genötigt werden, die Milchpreise zu erhöhen, so sind unsere Preise vom 1. Dezember ab folgende: 1 Liter Milch kostet 5½ Sous, ½ Liter Milch kostet 3 Sous. - Die Direktion der Zentralmolkerei, Petruß-Ring, Luxemburg-Bahnhof.“
Einen Moment, bitte! Ergreifen Sie nicht flugs Ihre Milchkanne, um damit an den PeteußRing zu eilen. Diese Mitteilung ist nicht von heute, sondern vom 23. November 1910. Aber sie ist darum nicht weniger interessant. Damals waren es, wie Sie sehen, die Milchlieferanten, die die Preise in die Höhe trieben, heute und seit dem Krieg sagen sie, es seien die Konsumenten. Die arme Milchfrau kann sich der Versuchung nicht erwehren. Man zwingt ihr immer höhere Preise auf, kaum hat sie 15 Sous gesagt, so tut es der Abnehmer schon nicht mehr unter einem Franken. Es ist die verkehrte Welt.
Des weitern fällt an obiger Mitteilung auf, daß darin einfach von Milch die Rede geht. Niemand denkt daran, bei Milch Abteilungen und Unterabteilungen anzunehmen, Abteilung eins: Vollmilch, Abteilung zwei: Magermilch. Unterabteilung eins: Teilweise entrahmte Magermilch, Unterabteilung zwei: Vollständig entrahmte Magermilch. Milch war damals Milch, und unter Milch verstand man das vollwertige Produkt, wie es dem Euter entströmte. Seit wir in das Zeitalter des Ersatzes eingetreten sind, ist das leider anders geworden, und die braune Liesel aus dem „Wilhelm Tell“ würde Augen machen, wenn sie sehen könnte, was heute alles als Milch verkauft und getrunken wird.
Ein Liter Milch kostete also vor zehn Jahren 5½ Sous. Heute soll er 15 kosten.
Und wenn uns die Milchfrau zu diesem Preis keine bringt? Wenn sie es vorzieht, ihre ganze Milchproduktion an die Schweine zu verfüttern? Sie kommt eines schönen Morgens einfach nicht wieder. Ein Säugling ist im Haus, die Mutter macht sich auf nach Merl oder Kirchberg, fleht die Lieferanten an, sie kann doch ihr Kleines nicht verhungern lassen, es ist an diese Milch gewöhnt - sie bietet, was man will, sie ginge, wenn es sein müßte, acht Tage ins Gefängnis, wenn nur ihr Liebstes nicht darben muß.
Das hat der Regierungsbeschluß fein gemacht, indem er auch den Abnehmer bestraft, der über die Richtpreise bezahlt. Jetzt sind die beiden; Produzent und Konsument, durch gemeinsame Angst vor Strafe aneinander gebunden. Wenn ich meiner Milchfrau einen Franc für das Liter Milch bezahle, ist es ausgeschlossen, daß ich sie verklatsche, weil ich sonst selber ins Gefängnis käme oder zwischen 26 und 3000 Fr. Buße bezahlen müßte.
Eine Milchnot haben wir heute genau wie wir eine Brotnot hätten, wenn der Staat nicht den Nährvater spielte und uns das Brot halb umsonst gäbe. Warum hält er es mit der Milch nicht ebenso? Milch ist zum Leben grade so unentbehrlich, wenn nicht unentbehrlicher, als Brot. Die Menschheit könnte bestehen ohne Brot, aber nicht ohne Milch. Da sollte man meinen, nachdem der Staat die Nährvaterschaft einmal mit dem Brot übernommen hat, müßte er auch eine billige Milchversorgung organisieren und den Rest zulegen. Die entsprechenden Exporttaxen, die das Geld dazu liefern würden, fänden sich im Handumdrehen. Und über Jahr und Tag gingen wir alle zum Vater Staat in volle Kost.
Als wir Kinder waren, gingen wir in den Wuld Haselnüsse pflücken. Wenn wir sie aßen, gaben wir den jüngern Geschwisturn davon ab. Da kam der Vater und übernahm selbst die Teilung. Er gab seinen Lieblingen mit vollen Händen, auch denen, die zu faul gewesen waren, sich selber Nüsse zu pflücken. Und wir hatten das Nachsehen.
Da pflückten wir keine Haselnüsse mehr. Oder wenn wir pflückten, aßen wir sie im Wald und brachten keine zur Verteilung mehr nachhaus.