Was ist das nun wieder für ein scheinheiliges Getue mit dieser Wiederaufbaulotterie! Das ganze Jahr lang wird alles, was Lotterie heißt, als unmoralisch, als eine Verderbnis fürs Volk verpönt, in Ketten gehalten, auf eine Stufe sozusagen mit Spielhöllen und Freudenhäusern gestellt. Ganz als ob Lotterwirtschaft mit Lotterie zu tun hätte. Und dann auf einmal wird die Lotterie zu einem hocherbaulichen Werk, die Spiellust zu einer Tugend, das Sicherheitsventil zu einer volksmoralischen Einrichtung. Der Zweck heiligt wieder einmal die Mittel. Muß man sich da nicht durch alle Farben des Regenbogens ärgern!
Wiederaufbau der verwüsteten Gegenden, sehr schön. Eigentlich sollten die die Dörfer wieder aufbauen, die sie zusammengeschossen haben, aber da nicht genau festzustellen ist, wer es war, und da der Hauptschuldige zurzeit mit dem Portemonnaie äußerst knapp bestellt ist - sagt er - so müssen wieder die einspringen, die für nichts konnten. Ich habe nichts dagegen, ich hätte für den Wiederaufbau sehr gern meine zwei Franken gespendet, wenn es sein müßte, meinetwegen auch noch zwei fünfzig. Aber die Lotterieform beanstande ich aus Prinzip. Was kann denn jemand vor dem eigenen Gewissen für ein Verdienst beanspruchen, wenn er meinetwegen für 200 Fr. Lotterielose kauft und dabei ganz genau weiß, es ist ihm völlig egal, ob wieder aufgebaut wird oder nicht, er rückt die 200 Fr. nur heraus in der Hoffnung, daß er damit 20 000, 10 000 oder wenigstens 5000 gewinnt? Haben Sie seinerzeit von der Kölner Dombaulotterie gehört? Ich kannte verbissene Gottesleugner, ausgesogene Freidenker, die jahraus jahrein in der Kölner Dombaulotterie spielten, ganz sicher nicht zur Ehre Gottes und damit sein Tempel ausgebaut würde, sondern aus Liebe zum Mammon, den alle Welt schnöde nennt, aus dem bekannten Undank.
Wie kann ein denkender und moralisch empfindender Mensch überhaupt in eine Lotterie setzen, seinen Erfolg dem Zufall, dem Glück anheim geben! Das Glück ist - anständig umschrieben - eine weibliche Person, die die Liebe als Gewerbe betreibt. Und überdies blind. Eine blinde Hetäre. Und die wird als Lotterie salonfähig gemacht und zum Familienverkehr zugezogen! Soweit sind wir gekommen! Unsere Zivilisation ist ein übertünchtes Grab!
Ein blindes Murterschwein findet manchmal eine Eichel. Daß das Lotterieglück jemals eine Eichel fände, das heißt, die Gewinne nach Recht und Billigkeit verteilte, hat man nie gehört. Ich gehe jede Wette ein, daß das große Los von 20 000 Fr. einem Kriegsgewinner zufällt, der soviel in einer Nacht im Baccarat gewinnt und verliert.
Nun, ich kann Ihnen sagen, ich gewinne auf alle Fälle meinen Einsatz. Denn ich habe gar kein Los gekauft. Niemand kann von mir verlangen, daß ich mich an einem Unternehmen beteilige, das ich als unmoralisch erkannt habe.
Außerdem würde ich ja doch nichts gewinnen. Ja, wenn es sich um einen einzigen Griff ins Glücksrad handelte. Aber hier mußt du acht Mal nacheinander das Glück haben, daß in jedem Rad ausgerechnet deine Ziffer sich der Hand des loosziehenden Waisenknaben darbietet. Wie käme ich, grade ich, in diesen Brennpunkt des Zufalls? Ich habe noch nicht ein einziges Mal nacheinander in meinem Leben Glück gehabt, und nun sollte ich es achtmal nacheinander haben! Nein! Ich habe kein Los gekauft, weil ich ja doch nichts gewinne. Aber hauptsächlich, versteht sich, weil die Lotterie in meinen Augen eine unmoralische Einrichtung ist. Grimberger, Nörgler.