Original

13. November 1920

Morgen ist der Tag der luxemburger Legionäre. Der Toten zuerst. Eine Art militärpatriotisches Allerheiligen, das seinen dauernden Platz im Kalender unserer Nationalfeste behalten wird.

Aber auch der Lebenden.

Über unsere glorreichen Dreitausend ist alles gesagt, was sich Erhebendes und Ergreifendes über sie sagen läßt: daß sie, indem sie für Frankreich kämpften, ihr Leben für die Freiheit der Welt und für ihre luxem- burger Heimat opferten, daß sie für das friedvolle Glück ihres Vaterlandes das Lösegeld mit ihrem Blut bezahlten, daß sie ihre Rasse vor dem Verdacht der Verweichlichung und Drückebergerei schützten. Daß, wenn wir für uns leben, wir für die andern zu sterben wissen.

Das Fest von morgen steht an der Schwelle der Erinnerung an die großen Novembertage 1918. Damals flutete mit dem Einzug der amerikanischen und französischen Heldenscharen so Gewaltiges über unsere Herzen, die Entspannung nach vier dunkeln Jahren der Unterdrückung, Entbehrung und Gefahr war so überwältigend, daß vor der Allgewalt des Allernächsten erst niemand an die luxemburger Legionäre dachte. Allmählich fiel uns ein, daß wir bei dem gigantischen Geschehen der letzten Jahre nicht bloß Zuschauer gewesen, daß wir bei der unermeßlichen Blutsteuer der Welt nicht unterm Existenzminimum geblieben waren und unsern Teil redlich und reichlich bezahlt hatten. Und nach und nach wuchs sich die Tatsache in unser Bewußtsein hinein, zu unserm Stolz und zu unserer Trauer. Denn die Trauer um unsere Gefallenen war zugleich Freude über die Ehrenrettung unserer Heimat. Und nun durften wir ohne Demütigung die Sieger feiern, weil ihr Sieg ein wenig auch unser Sieg gewesen war.

Die Dreitaufend sind uns eine Synthesis und ein Symbol geworden. Wie heute statt der Könige die Völker stehen, so tritt neben das Bild des königlichen Luxemburgers, der 1346 fechtend für Frankreich fiel, heute das Bild der dreitausend Söhne unseres Volkes, die lebend und tot mit ihren Leibern die französische Erde deckten und schützten.

Aus ihrem Heldenmut, ihrer Begeisterung und aus ihren Todesqualen allzusammen weht morgen, wie von einem heiligen Herd aus dem Jenseits, die Flamme, die alle Herzen wärmt, in den großen Feiertag der luxemburger Legionäre herein. Die Schlichtheit ihres Opfermutes und die Größe ihres Opfers sollen uns lehren, wie wir ihnen gegenüber unsere Pflicht zu erfüllen haben. Sie gaben alles, gaben sich ganz für eine Sache, die auch die unsere war, für einen Sieg, der auch ein wenig der unsere bleiben soll. Wer von uns könnte den Gedanken ertragen, daß Witwen und Waisen, die um sie trauern und die in ihnen den Broterwerber verloren, daß, ihre Kameraden, die in der Schlacht zu Krüppeln geschassen sind, mit leeren Taschen und freudeleeren Herzen Zeugen unserer Festesfreude sein könnten! Laßt Eure Begeisterung vom Herzen durch die Hand in den Beutel gehen, gebt freudig und reichlich, wenn Euch ein hübsches Kind mit gewinnendem Lächeln eine Kokarde anbietet. Denkt, daß das eine Steuer ist, die einzige, die ihr mit schönem Gestus und freudigem Gemüt bezahlt.

Macht, daß dieser Tag der Ehre für die Toten ein Tag des Glücks für die Lebenden werde!

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    Katalognummer BW-AK-008-1769