Da ging er vor mir her, den Hut in der Stirn, die Hände auf dem Rücken. Seine Finger waren in beständiger Knetbewegung, als wollte er in Wut etwas zerkrümeln. Es war auf dem Konstitutionsplatz. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und ballte die Faust in den Raum, über die Balustrade hinüber, und man hörte auf zehn Schritte sein ingrimmiges Gebrummel.
Ich schlug ihm von hinten auf die Schulter und sagte:
„Na, worüber ärgert man sich denn wieder, alte Essigflasche?“
Grimberger - denn er war es - drehte sich halb zornig halb mißtrauisch herum und knurrte:
„Eigentlich hätte ich Sie mit dem Fuß hinterrücks an die Schienbeine rennen sollen. So überfällt man die Leute nicht.“ Und er schnaufte noch ein paarmal pöh! pöh! hinterdrein.
„Sehen Sie, Grimberger, daß Sie Unrecht hatten mit der Wiederaufbaulotterie.“
„Wieso, wieso? Pöh, pöh!“
„Die größten Lose wurden nicht von Kettenhändlern gewonnen, sondern von einer braven Kellnerin und einem wackern Arbeitsmann, einem Straßenwärter.“
„Was habe ich denn gesagt! Da sehen Sie’s doch deutlich - pöh! pöh! - wie recht ich hatte, kein Los zu kaufen! Eine Kellnerin und ein Straßenwärter. Aber der Grimberger kriegt einen Dreck.“
„Aber Grimberger! Da hört doch alles auf! Sie hatten ja gar kein Los! Wie sollten Sie denn da etwas gewinnen?“
„Das ist ganz schnuppe! Haben Sie eine Ahnung, was der Zufall für Streiche spielt manchmal! Ich habe Leute gekannt, die es zum Minister brachten und hatten dazu noch weniger, als es ein Los für eine Lotterie ist. Ich kenne Leute, denen kalben die Ochsen, mir hat im Leben nie eine Kuh gekalbt! Ist das Gerechtigkeit?“
In diesem Augenblick rannten auf der Straße zwei Radfahrer zusammen. Es gab ein plötzliches Klirren, ein paar Frauen kreischten laut, und am Boden zuckte und ringelte sich ein unentwirrbarer Knäuel von Armen und Beinen und allerhand Maschinenteilen.
„Ha!“ sagte Grimberger von ganz tief unten herauf mit einem keuchenden Atemstoß. „Sowas erlöst, sowas befreit! Sowas versöhnt mit dem Leben! Warum gehen die beiden Fatzkes, die beiden „Flantessen“ nicht zu Fuß, wie Sie und ich? Warum machen sie die Straßen unsicher mit ihrem unsinnigen Gestrampel? Damit sie eine Viertelstunde früher zu der Dummheit kommen, die sie vorhaben!“
Und als dem einen der Zusammengeprallten die Nase zu bluten anfing: „Da steht nun der Jammerlappen und wischt sich mit dem Taschentuch das Blut in der Visage herum, statt direkt in eine Apotheke zu laufen. Dazu sind doch die Apotheker da!“
Jede neue Minute brachte dem alten Brummler ein neues Ärgernis. Bald waren es zwei französische Krüppel, die mit Harmonikaspielen die Mildtätigkeit herausforderten, bald war es der Hahn auf dem Kirchturm von Liebfrauen, der seit Monaten zum ersten Mal wieder nach Südwesten zeigte - Grimberger ärgerte sich, daß sich die Fremden jetzt hier so breit machen, daß es wahrscheinlich am Sonntag regnen wird, trotzdem er einen Ausflug nach Drei Eicheln vorhatte, den ersten seit sieben Jahren.
„Adieu, Mathias,“ sagte ich. „Ihnen ist nicht zu helfen!“
„Herr!“ fuhr er mich wütend an. „Habe ich Sie gebeten, mir zu helfen? Mir braucht keiner zu helfen! Es ist mir äußerst wohl in meiner Haut, hören Sie, äußerst wohl. Und wenn ich mich ärgern will, so sind das meine Sachen, Herr, verstehen Sie mich! Ich ärgere mich und Sie ärgern die andern, das ist zwischen uns der Unterschied. Adieu!“
Er schwang sich auf dem rechten Absatz herum, lachte ingrimmig in den Hals und ließ mich stehen.
Man muß ihn kennen.