Demnächst werden wir uns also den europäischen und andern Großmächten um einen Schritt weiter angleichen, indem wir für unsere Parlamentsredner eine Tribüne aufstellen werden.
Sie sollte längst dastehen. Fragen Sie einmal einen ganz gewöhnlichen Gesangvereinsdirigenten, ob er sich dazu hergäbe, seine Sängerschar von ebner Erde aus zu dirigieren. Mindestens um zwei Stufen muß er über die andern erhöht sein, damit er sie mit Blick und Taktstock beherrscht.
Das Wort ist der Taktstock des Redners. Er muß seine Zuhörer beherrschen können, wie der Dirigent seinen Chor. Und in unserer Kammer haben die Wortführer des Volks immer zu ebner Erde reden müssen. Wenig fehlte, so wären sie nicht einmal aufgestanden und hätten in sitzender Stellung die Schifflein am Webstuhl der Geschichte geworfen, wie es z. B. im luxemburger Stadtrat der Fall ist.
Das wird in Zukunft, wenn einmal die Tribüne aufgestellt ist, ganz anders. Der Redner wird über alle andern erhaben, auf sich selbst gestellt, aus seiner Partei losgelöst, ein Ding für sich sein. Das wird u. a. das Gute haben, daß seine Parteigenossen nichts riskieren, wenn einer in der Hitze des Gefechts mit dem Tintenfaß oder mit faulen Eiern nach ihm schmeißt. Dem Präsidium freilich könnte diese Art der Debatte unangenehm werden, da es dem Redner am nächsten sitzt.
Man muß mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, daß die neue Rednertribüne kurz nach ihrer Aufstellung getauft wird. Grade, wie unsere Bahnen der Jangli, der Charly, der Prinz, der Wöllem heißen, wie das Grundgefängnis noch heute nach seinem ersten Verwalter der Back genannt wird, so wird auch die neue Kammertribüne einen Namen erhalten. „Auf die Tribüne klettern“, da liegt nicht genug drin. Aber „auf den Jangli“, oder „auf den Wöllem“, oder „auf den Prinz“ klettern, dabei läßt sich etwas denken. Möglicherweise wird die Tribüne nach dem ersten Redner genannt, der sie besteigen wird. Schade, daß der alte Herr Erpelding von Steinsel nicht mehr in der Kammer sitzt und Pate stehen kann. „Auf den Toni klettern“ würde sich recht stilvoll machen. Oder gesetzt den Fall, Herr Staatsminister Reuter gäbe der Tribüne seinen Namen. Wie bezeichnend klänge es, wenn ein Wortführer der Opposition sagte: „Haut Nometteg klammen ech ob den Emil!“
Das erinnert an die bekannte Geschichte vom Heidelberger Universitätskarzer. Es war Überlieferung, daß ein neuer Karzer jedesmal nach dem getauft wurde, der ihn zuerst bezog. Als eines Tages in Heidelberg der Fall vorlag, daß ein Bruder Studio dem neuen Arrestlokal seinen Namen geben sollte, traf es einen namens - sagen wir Freiherr von Rinskopp. Dem jungen Mann war es unangenehm, daß nun ganze Geschlechter von Studenten sagen sollten, sie kämen auf den Rinskopp. Er nahm deshalb seinen Hund mit und schob ihn, sobald die Karzertür sich auftat, hinein. So kam es, daß der Heidelberger Karzer den Namen „Hund“ bekam und daß der Ausdruck „auf den Hund“ kommen, in den allgemeinen Sprachgebrauch überging.
Da Hunde bekanntlich keinen Zutritt zu unserer Kammer haben, so könnte Frau Thomas vielleicht in ihrem Muff ein Kätzchen mitbringen und es, falls sie die Reihe träfe, als Taufpatin auf die Tribüne loslassen.