Dort, wo die Stadt Luxemburg in das Dorf Hollerich sichtbar übergeht, wo die Kartoffeläcker noch bis vor kurzem dicht an die städtischen Trottoirs heranreichten und sich in den Fenstern der ersten Stadthäuser spiegelten - bis Herr Giorgetti kam und durch die Kartoffeläcker eine Straße legte und an die Straße Stadthäuser baute - dort an der denkwürdigen Ecke, wo man während des Krieges den Geschützdonner am besten hörte und den Widerschein der Kriegsschrecken am Wolkenhimmel am besten sah, dort ist eine merkliche Veränderung vor sich gegangen. Früher stand dort zweierlei: die Oktroibude und der Posten bei der italienischen Gesandtschaft. Inzwischen ist das Oktroi abgeschafft worden, und der italienische Gesandte hat sein Heim wieder bezogen. Beide Ereignisse wurden mit Genugtuung begrüßt. Das eine von der gesamten Bürgerschaft, speziell den Metzgern, die kein Oktroi mehr zu bezahlen brauchten, das andere von der italienischen Kolonie und allen Bekannten und Freunden des italienischen Gesandten.
Sobald das Oktroi abgeschafft war, kam abends am selben Tag ein Lastwagen, lud die Bude auf und fuhr damit fort, Gott weiß wohin. Aber das Schilderhaus bei der italienischen Gesandtschaft steht immer noch da. Man hat die Oktroibude prestissimo fortgeschafft, weil man sicher war, daß das Oktroi auf ewig abgeschafft ist. Läßt man das Schilderhaus stehen, weil man mit der Möglichkeit rechnet, daß eines schönen Tages der Krieg wieder ausbrechen und die fremden Gesandten wieder in alle vier Winde zerstreuen wird?
Ich persönlich beklage mich nicht darüber, daß das Schilderhaus stehen bleibt, obschon es sich in der Landschaft mit seinem feldgrauen Anstrich trüb genug ausnimmt. Aber es steht mir an jener windigen Ecke sehr bequem, denn ich kann jedesmal, wenn ich dort vorbeikomme, in dem Schilderhaus eine Zigarette oder eine Pfeife anstecken, ohne eine halbe Schachtel Streichhölzer opfern zu müssen. Meinetwegen mag es also stehen bleiben.
Aber so wichtig auch das Pfeifenanzünden ist, so wüßte ich doch für die freigewordenen Schilderhäuser eine Verwendung, die noch angebrachter wäre.
Ich begegnete kürzlich an der Untersauer bei Dunkelwerden einem Zollaufseher, der in der Hand ein kleines Faltstühlchen, über dem Arm eine dicke Wolldecke trug. Er erklärte mir auf meine Frage, daß er im Begriff war, Nachtposten zu beziehen. Die Nacht ließ sich kalt und windig an, und grade an der Stelle, wo notorisch die meiste Schmuggelgefahr bestand, strich der Nordost ungehindert durch das Tal und bedrohte Nasenspitzen und Ohren mit Erstarrung.
„Haben Sie denn gar keine Deckung?“ fragte ich. „Keine Mauer, keine Hausecke, wo Sie Sich dahinter ducken könnten?“
„Nein, es ist eben keine da, und grade da müssen wir aufpassen. Wir gehen ja natürlich die ganze Strecke ab, aber hier gilt’s, und wenn wir diese Furt eine Stunde aus dem Auge ließen, so wäre das „den Schmugglern gepfiffen“.
„Warum stellt man Ihnen denn kein Schilderhaus hin?“
„Das fragen Sie die Verwaltung. Wahrscheinlich denkt man so: Wo ein Schilderhaus steht, muß man annehmen, daß der Zöllner drin steht, und dann sind die Schmuggler gewarnt. Aber es braucht noch lange nicht in jedem Schilderhaus ein Grünrock zu stehen, so wenig, wie in jedem Schneckenhaus eine Schnecke sitzt.“
„Und außerdem“, sagte ich, „könnte man die Schilderhäuser ja auf Räder stellen und sie des Nachts hinrollen, wohin man will.“
„Wenn Sie was für uns tun können,“ sagte er lächelnd, „das wäre nett. An der belgischen Grenze war der Dienst Kinderspiel, hier an dem offenen Wasser bläst einem der Wind nachts die Seele aus dem Leib. Wenn es nur ein kleiner Unterstand wäre, eine Bretterwand.“
Ich gebe hiermit die Schilderhausfrage dem Kriegsministerium und der Zollverwaltung zur geneigten Erwägung anheim.