Original

18. November 1920

Ein Freund erzählte mir gestern, er habe dieser Tage sein Töchterchen so langsam auf den heiligen Sankt Nikolaus vorbereiten wollen. Um die Sache klug und methodisch anzupacken, sagte er ihr, er sei dem kinderlieben Heiligen in der Rikolausstraße begegnet und habe mit ihm Verschiedenes verabredet. Da sah ihn die Kleine schalkhaft mit halb zugekniffenen Augen von der Seite an und zuckte die Achseln.

„Gib dir keine Mühe, Papa, ich weiß alles.“

Sie werden zugeben, daß ein Papa in einer solchen Lage nicht sehr glorreich dasteht. Dieser wollte wissen, woher seinem Töchterchen die unvermutete Aufklärung gekommen war und erfuhr, daß das Fräulein Schullehrerin den Kindern gesagt hatte: „Seid doch nicht so dumm, an den Nikläschen zu glauben. Es sind Eure Eltern, die Euch einbescheren.“

Da entstehen verschiedene Fragen.

Erstens: Muß man wirklich „so dumm“ sein, um an den heiligen Niklaus zu glauben? Vater und Mutter versichern einem die Echtheit, sie haben einen nie belogen. Man hat das Bedürfnis, die Welt über die Grenze der sinnfälligen Wirklichkeiten hinaus in ein Phantasiegebiet voll unweltlichen Glanzes, voll Schönheit, Güte, Harmonie, aber auch voll romantischer Boshaftigkeit, Tücke, Riedertracht, indes mit schließlicher Vergeltung, mit Endsieg der Tugend und Gerechtigkeit und Kraft auszudehnen. Da wohnen die Feen und die Zwerge, die Drachen und die Engel, da wohnt auch der heilige Nikolaus. Soll man einem Kind, das in solcher jenseitigen Welt lebt, dieses Reich stehlen und es hart auf den Boden der trocknen Wirklichkeiten stellen, indem man ihm seinen Wunderglauben als Dummheit hinstellt? Oder soll man warten, bis der angeborene Wirklichkeitssinn des Kindes ihm von selbst den Zusammenhang aufdeckt? Schema ist da Verbrechen. Kinder dürfen in bezug auf ihren St. Niklasglauben so wenig nach einem Leisten behandelt werden, wie man ihnen allen dieselben Schuhe anziehen kann. Den einen ist dieser Glaube Förderung, den andern Hindernis.

Zweite Frage: Soll die Aufklärung der Schule oder dem Haus, der Lehrerin oder der Mutter, dem Lehrer oder dem Vater überlassen werden? Auch da wäre die Schablone vom Übel. Dem steht die Aufgabe zu, der das Kind am meisten liebt und am besten versteht, und das werden in den weitaus meisten Fällen die Eltern sein. Jedenfalls dürfte die Lehrerin ein Kind nicht aufklären, ohne es den Eltern mitzuteilen. Sonst können diese dem Kind gegenüber in eine sehr wenig schmeichelhafte Stellung geraten. Der Herr Papa plagt sich ab mit einer möglichst täuschenden Vermummung, er schwitzt unter Mantel, Bart und Perücke, versäumt seinen Skat am Stammtisch, sucht sogar im Hausgang sichtbare Spuren des Eseleins zu hinterlassen, zankt die Kinder, wenn sie es abends verbummelt haben, dem himmlischen Grautier Heu hinauszulegen, zieht extra Handschuhe an, damit die Kleinen seine behaarten Finger nicht erkennen, wenn er durch den Türspalt Äpfel und Nüsse und Bonbons hineinwirft - und zum Lohn sagt der kleine Moritz: „Laßt ihm seine Freude!“

Nach dem Glauben an den heiligen Nikläschen kommt der Glaube an den Storch. Da verhält sich die Sache schon ernster. Es ist nicht schlimm, wenn eine alte Jungfer bis zu ihrem seligen Ende an den Storch glaubt, aber manche Ehen sind dadurch unglücklich geworden, daß die Frau mit allzu naiven Vorstellungen ihrer Stunde entgegen ging. Die Fälle sind zum Glück selten. Die Tochter ist heute in der Regel aufgeklärter, als die Mutter, und wenn sie es nicht vor der Verlobung ist, so wird sie es so ziemlich sicher vor der Heirat sein.

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    Katalognummer BW-AK-008-1773