Original

19. November 1920

In den Zeitungen steht folgende Annonce: Ein Schustergeselle sucht Damian Müller, Schuhmachermeister, Pirmasens.

Für jeden, der von deutscher Grammatik einen Dunst hat, ist dabei der Schustergeselle derjenige, der sucht, und Herr Damian Müller derjenige, der gesucht wird.

Das Befremdende dabei ist, daß der Geselle die Adresse des Gesuchten genau kennt und trotzdem in den Zeitungen nach ihm fahndet.

Herr Damian Müller, der die Anzeige aufgegeben hat, war der Meinung, daß jeder Schustergeselle, der sie lesen würde, sich als der Gesuchte empfinden müßte. Herr Damian Müller hat in der menschlichen Gesellschaft die Aufgabe, gute Schuhe zu machen. Wenn er das tut, füllt er seinen Platz voll und ganz aus, und es kommt absolut nicht in Betracht, ob er einen Schustergesellen in den Nominativ oder in den Akkusativ setzt.

Aber diese Anzeige hat in mir den Entschluß reifen lassen, eine Reform der deutschen Grammatik anzuregen.

Die deutsche Sprache ist in gewisser Beziehung allzu reich. Eine Sprache kann auf zweierlei Art reich sein: Reich an Formen und reich an Wortmaterial. Der Formenreichtum ist aber nur äußere Vielfältigkeit, nicht eigentlich Reichtum. Wenn der Deutsche einmal daran gewöhnt wäre, so klänge ihm: Ich liebe Du! genau so reich, wie: Ich liebe Dich. Ob ein Wort im ersten oder vierten Fall steht, ist schließlich gleich, die Hauptsache sind das Wort und der Gebrauch, den die Sprache davon zu machen weiß.

Niemand wird behaupten, das Englische sei ausdrucksärmer, als das Deutsche. Und doch hat die englische Sprache mit allen Komplikationen der Konjugation und Deklamation aufgeräumt, in denen sich der Deutsche immer noch gefällt. Dieser belastet den Mechanismus seiner Sprache mit einer unabsehbaren Reihe von Verwicklungen, mit schwacher und starker Deklination, mit allerhand Fällen und Personen, ohne aber sie damit innerlich zu bereichern. Das Deutsche ist gespickt mit Fußangeln für Leute, die mangelhafte Schulbildung genossen haben. Es ist eine Sprache für geistige Aristokraten mit einem starken Stich ins Pedantische. Wir Luxemburger haben als geborene Demokraten jenen hochnäsigen Regelkram längst über Bord geworfen und es darin den Engländern nachgemacht. Wir machen keinen Unterschied zwischen Nominativ und Akkusativ, von Dativ haben wir keine Spur und den Genitiv kennen wir nur, wenn es sich um den Herrn, den Hirten und den Teufel handelt.

Wenn nun ein Luxemburger beim Deutschreden vornehm tun und gelehrt erscheinen will, hängt er zuweilen eine Deklinationsendung falsch an und blamiert sich. So sagt z. B. Herr Jacoby in der Kammer regelmäßig: Der Herrn Erpelding hat gesagt. Wie ein früherer Landdeputierter fröhlichen Andenkens stets mit feierlicher Betonung sagte: Der Herrn Euschen. Dem Herrn Erpelding kann es schließlich egal sein, wenn Herr Jacoby den Namen des Herrn Erpelding in den Akkusativ setzt und den Herrn Erpelding auch im Nominativ mit einem Schluß-n auszeichnet. Aber es ist eben falsch. Schiller hat ja auch nicht geschrieben: Der Knaben Karl fängt an mir fürchterlich zu werden.

Das ist so eine der Fußangeln, die deutsche Vedanterie dem Volk zum Tort in die Sprache versteckt hat. Und wenn ich in der Kammer Sitz und Stimme hätte, würde ich mir vorbehalten, mit meinen Freunden demnächst einen Ordnungsantrag einzubringen, durch den die Regierung aufgefordert würde, den Genitiv, Dativ und Akkusativ mit rückwirkender Kraft bis 2. August 1914 abzuschaffen.

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    Katalognummer BW-AK-008-1774