Original

26. November 1920

Ich war neugierig, wie es in der Welt ausgesehen haben mochte, als ich sie vor genau sechzig Jahren mit meinem ersten Schrei begrüßte. Ich blätterte darum in den Zeitungen nach.

Es war an einem Sonntag. Das Beispiel, das mir von der feiernden Welt bei meinem ersten Schritt ins Leben geboten wurde, hat später fortwährend auf mich ansteckend zu wirken gesucht.

Der berühmteste Mann in Europa war damals Giuseppe Garibaldi der sich nach der Eroberung Siziliens für den König von Italien auf die Insel Caprera zurückgezogen hatte. Hier war es Norbert Metz, für den die Bürgerschaft von Luxemburg grade ein Festessen anläßlich seiner Ernennung zum Präsidenten der Landstände rüstete. Die Regierung mit Staatsminister de Tornaco an der Spitze fing an, die Staatsstreichordonnanzen abzubauen, im Parlament stritt man sich um direkte oder indirekte Wahl, in Madrid hatte grade ein Verrückter auf die Königin geschossen, der Athenäumsdirektor Abbé Müller hatte die Schüler in einen Leichendienst für die päpstlichen Soldaten beordert, die in Castelfidardo unter de Lamoricière gefallen waren, und wurde deshalb von der liberalen Presse angegriffen, ein Agrarier verlangte in der Kammer den Nachlaß der BarriereGelder auf Kalksteinen zugunsten der Landwirtschaft, die Zeitungen sprachen ihre Freude darüber aus, daß auf den Eisenbahnen Retourbillets zu ermäßigten Preisen eingeführt worden waren, der Luxemburger Sängerbund kündigte ein Konzert an, auf dem schon ein Stück von Laurent de Rillé stand, die Leute litten, aus den Anpreisungen von Laxiermitteln zu schließen, schon damals an Verstopfung, die Polizei hatte schon damals Schwierigkeiten mit den Milchpanschern, auf dem Hof der Neutorkaserne ließ das Königlich Preußische 2. Bataillon Brandenb. FüsilierRgts. Nr. 35 einen überzähligen Reitsattel und drei lederne Halfter-Trensen mit Ketten öffentlich an den Meistbietenden versteigern, Herr Hutmacher Engel kündigte an, daß bei ihm aus Pesth eine Auswahl von charmants petits chapeaux hongrois zu 10 Fr. das Stück eingetroffen war, an der Mosel machten sie aus drei Ohmen Most ein volles Fuder Wein und in einer Zuschrift von der Mosel hieß es: „Wenn ein solches Unwesen den braven Winzer schon seit Jahren mit Trauer und Besorgnis erfüllt hat, so muß dies jetzt umso mehr der Fall sein, da noch sehr viele Keller der Winzer mit guten Weinen reichlich versehen sind.“ Die Kammersitzungen wurden schon damals regelmäßig um halb vier eroffnet, Bismarck bereitete langsam die Partie Schach vor, die Österreich und Frankreich matt setzen sollte und eine Pariser Korrespondenz fing schon damals mit dem Satze an: C’est encore de l’Allemagne et toujours de l’Allemagne que viennent les alarmes.

Ich habe mich auch im Zivilstand nach Geburtskameraden umgesehen, in dem vagen Gedanken an ein eventuelles gemeinsames Festessen. Vom 25. November 1860 steht da nur ein Fräulein Elisabeth Philippe. Ich kenne sie nicht. Außerdem kann ich mit Frl. Elisabeth Philippe allein kein Geburtstagsfestessen veranstalten. Vielleicht schließt sich Herr Joseph Henri Schommer an, der zwar vom 26. November, also einen Tag jünger ist, aber doch das Kollegium, das bekanntlich immer aus dreien besteht, voll machen könnte. Es würde am Ende zu einem Skat langen, wenn Fräulein Elisabeth Philippe das Spiel der vier Jungen gelernt hätte.

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    Katalognummer BW-AK-008-1780