Ein Korrespondent schickt mir folgenden Zeitungsausschnitt
„Düsseldorf. 2. Nov. (Eine tapfere Brückenbesatzung.) Hier wird ein Vorkommnis viel belacht, das sich unlängst auf der Rheinbrücke zwischen Düsseldorf und Neuß tatsächlich ereignet hat. Als ein Motorlöschzug, der zur Bekämpfung eines Großseuers nach Neuß zur Hilfe gerufen worden war, mit der gebotenen Eile über die Brücke rasselte, warf die belgische Brückenbesatzung die Gewehre weg und stand einschließlich des wachhabenden Offiziers mit „Hände hoch“ fassungslos da. Der Vorfall beweist, daß unseren Feinden trotz unserer Wehrlosigkeit die Angst vor den schrecklichen Boschs noch immer in den Knochen liegt.“
Mein Korrespondent bemerkt dazu: „Ich finde, daß dies aber doch ein wenig starker Tabak ist. Eine solche Frechheit kann man nur den Preußen zutrauen.“ Und zum Schluß bittet er mich, meine „Meinung zu sagen, nämlich ob ich so etwas glaube“.
Der Scherz ist nicht neu. Schon vor längerer Zeit erzählte er sich im Rheinland herum, mit der Variante, daß der belgische Offizier mit seinen Leuten von weitem „Gut Freund!“ entgegen gerufen hätte. Damals sollte es bei Aachen passiert sein. Wenn eine Geschichte überall passiert ist, so ist sie bekanntlich nirgends passiert und von einem Spaßvogel erfunden. Ich hörte auch, daß diese in einer größeren Stadt des besetzten Gebiets mehr oder weniger diskret auf die Bühne gebracht und viel belacht wurde.
Ich glaube sie natürlich nicht. Ich kann mir keinen belgischen Offizier denken, zumal nach dem Krieg, der eines solchen Verhaltens fähig wäre. Es liegt nahe, daß die Aneldote glatt erfunden wurde als Abwehr gegen das geflügelte Wort „Kamerad“, das die Ententesoldaten den Deutschen in den Mund legen.
Sie beweist jedenfalls eines: Daß in Deutschland die Revanche-Idee im Volksdenken verankert ist. Solange man damit nicht Ernst machen kann, inszeniert man sie im Reich des Scherzes. Und das heißt dann Frieden.