Ein kurzsichtiger Herr wollte dieser Tage über die alte Brücke nach dem Bahnhof gehen.
Er war fremd in der Stadt und wurde durch jede Einzelheit angezogen.
Als er an der alten Brücke grade das Trottoir rechts beschreiten wollte, fiel sein Blick auf eine Tafel, die gegenüber am linken Ende angebracht war und eine lange, zweisprachige Inschrift trug. Der Fremde überschritt den Fahrdamm, stellte sich vor die Tafel auf die Zeherspitzen und las: „In der Richtung zum Bahnhof den rechten Bürgersteig (Trottoir) zu benutzen.“
„So ’ne Unverschämtheit!“ knurrte der Fremde. „Mich von dem rechten Bürgersteig, auf dem ich richtig ging, herüberlocken, um mir solchen Blödsinn zu lesen zu geben!“
Und während er auf dem rechten Bürgersteig seinen Weg zum Bahnhof weiterschritt, brummte er in Abständen vor sich hin:
„Diese Stadtverwaltung sollte erst ordentlich deutsch lernen, ehe sie sich in solchen Erlassen ans Volk wendet. (Der Fremde war nämlich ein Oberlehrer aus Trier.) Was ist denn das für ein Satzbau: Den rechten Bürgersteig zu benutzen! Man sagt: Den rechten Bürgersteig benutzen! Das heißt, das sagt man gar nicht. Man sagt: Rechts gehen! A droite! Dann weiß jedermann Bescheid. Und nun gar: In der Richtung zum Bahnhof! Als ob man eine Tafel mit „Rechts gehen!“ hinstellen könnte für Leute, die in der Richtung vom Bahnhof kommen! Das sähe diesen Schangels ähnlich. Man ginge die ganze Brücke lang links und fände dann eine Tafel, auf der man die Aufforderung läse, rechts zu gehen!“
In diesem Augenblick rannte der zornige Trierer an die Gaslaterne, die bei der Apotheke P@ssen steht. Er zog beflissen den Hut, sagte: Oh Pardong! und ging weiter.
Ich muß sagen, er hat recht mit diesem obrigkeitlichen Fingerzeig. Als Fingerzeig ist er viel zu lang. Er ist wesentlich kleinstädtisch. Wir haben uns das Fett der beschaulichen Umständlichkeit noch lange nicht genug heraustrainiert. Wir setzen zu viele Tipfel aufs i. Wir haben kein Tempo. Das kommt daher, weil wir über unserm Kleinstadtbetrieb keine Großstadt haben, die den nationalen Rhythmus befeuert, die ihn zu einem Maximum steigert, die Großstadt, in der sich alles in die hohen Übersetzungen umschalten muß. Auf jener Tafel an der alten Brücke ist die behördliche Anweisung noch von der Stadtverwaltung gezeichnet. Ich glaube sogar, Datum und Artikel des einschlägigen Verkehrsreglements sind in Klammern angegeben. Als ob jemand vermuten könnte, es wäre eine Mystifikation, wenn eines Tages einfach: „Rechts gehen! A droite!“ am Brückenkopf angeschrieben stände.
Es gibt allerhand Gegenstücke zu jener Tafel. „Man ist gehalten, die Hunde an der Leine zu führen,“ ist eines der malerischsten. „Verbotener Weg für oktroipflichtige Gegenstände“ war auch nicht übel, ist aber leider mit dem Oktroi verschwunden.
Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß eines Tages auch noch das schöne, aber grammatisch falsche und kleinstädtische Schild an der Passerelle verschwinden wird. Wenn bis dahin auch das geistige Oktroi abgeschafft ist.