Liebenswürdige Leser schicken mir als Sehenswürdigkeit, außer dem ersten oder letzten Maikäser, häufig Hotelrechnungen, die sich bald durch ihre Höhe, bald durch das Gegenteil auszeichnen. Bald hat einer im Jahre 1920 für ein Mittagessen zu dritt in Köln oder Berlin rund 1200 Mk. bezahlt, bald lautet die Nechnung auf 7.50 Fr. für ein Diner von 4 Gängen mit einer halben Flasche Pommery. An einem der letzten Tage fand ich bei meinem Einlauf ein Blatt, das der anonyme Einsender aus einem Heft der Touring-Club-Zeitung vom Jahre 1897 herausgerissen und offenbar sehr lang in der Tasche getragen hatte, ehe er dazu kam, es an mich abzuschicken. Da steht denn z. B., daß man anno dazumal im Hôtel des Ardennes in Diekirch, «propriétaire Ai. Alexis Heck», für das Mittagessen an der Table d’hôte 2.25, für das Abendessen 1.75, für ein Zimmer inklusive Licht und Bedienung 2 Fr. bezahlte, für ganze Pension je nach der Jahreszeit von 4.25 Fr. bis 6.25. Bei der guten Frau May in Walferdingen, der Radler-Tante, kostete das Mittagessen gar nur 1.50. Und überall im Land secundum ordinem. Und Sie dürfen glauben, daß man für dies Geld besser lebte, als die drei Herren in Köln oder Berlin für 1200 Mark pro Mahlzeit.
Ich bitte nun aber meine liebenswürdigen Leser und Leserinnen, meine Sammlung von Rechnungsextremen nicht mehr weiter zu bereichern. Die Zeiten des guten Land-Mittagessens zu 30 Sous - womöglich mit Kaffee und Schnaps - sind endgültig um. Wir schicken ihnen hiermit den letzten Seufzer nach und wollen nicht mehr an sie denken, denn sie gehören endgültig der Geschichte an. Nur glücklich i-ist, - Wer das vergi-ißt, - Was einmal nicht zu ändern ist. Also suchen wir unser Glück im Vergessen. Das Vergessen der Vorkriegspreise schließt ja nicht ein, daß wir zugleich die Menschen vergessen und die seligen Vaganten-Stunden, an die uns die „Liste der Hotels des Touring-Club“ aus jenen Jahren erinnert.
Sie sehen, ich predige der Teuerung gegenüber die Resignation. Ich höre die Botschaft von der Vague de baisse, aber meine Kindheit war von dem Zweiselmut des heiligen Thomas überschattet, der als Kirmesheiliger auf dem Hauptaltar meiner Heimatkirche stand.
Freunde machten mich dieser Tage auf einen Leitartikel im „Echo de Paris“ aufmerksam, der von der absoluten Unabwendbarkeit des Preisrückganges auf der ganzen Linie sprach. Die Fabrikanten haben, meint der Herr Kollege aus Paris, bisher hartnäckig auf den Haufen geschafft und jede Verbilligung abgelehnt. Jetzt sei es soweit, daß sie losschlagen müssen, jetzt sei wieder die Zeit, wo es im Handel und Gewerbe, um über Nacht reich zu werden, nicht genüge, daß man nur dreist drauf losspekuliere, weil schließlich jeder Preis gezahlt werde, jetzt werde der Kaufmannsberuf wieder eine normale Beschäftigung, in der jemand intelligent sein und arbeiten müsse, um auf einen grünen Zweig zu kommen. Die Abenteurer des Geschäfts werden abfallen und sich verkrümeln, und die reelle Geschäftswelt werde das Gesetz von Angebot und Nachfrage wieder ehrlich und gewissenhaft ausführen.
Das liest sich wunderschön, und man denkt schon, bis wann es zu dem neuen Anzug oder dem neuen Paar Schuhe langen wird.
Da bekomme ich grade heute morgen eine Karte von mehreren Beamten, die mich auffordern, auszurechnen, wieviel ein Zollaufseher, Staatswegewärter und Briesträger an die Stagtskasse nach dem Regierungsprojekt nach dem Einsacken der Supplementarteuerungszulage zurückzahlen muß.
Zurückzahlen? Oder auf eine niedrigere Einkommenstufe zurückgeschraubt werden? Das scheint vom Standpunkt der Beamten und Arbeiter ausgeschlossen. Und da hätten wir also den schönsten Circulus viciosus. Der Produzent sagt: „Wieso soll ich denn billiger verkaufen, die Löhne und Gehälter sind auf meine Preise eingestellt!“ Der Besoldete sagt umgekehrt: „Wie käme ich dazu, billiger zu arbeiten, solange die hahen Preise bestehen!“
Und da keiner dauernd und definitiv den Anfang machen will, wird sich voraussichtlich die ganze Lage stabilisieren, und die Leidtragenden sind die, die niemand gefunden haben, der ihr Einkommen mit den Ausgaben in Einklang bringen wollte.