Es war ein Meinungswechsel darüber entstanden, wo das Wort „Brach“ herstamme. Brach nennen wir bekanntlich dicke Milch. Ich behaupte, Brach ist das Majorativ von Brächelchen, das in diesem Fall eher da war, als der größere Bruder. Brot einbrocken heißt „brechen“, im Gegensatz zu einfach brechen, was wir briechen oder breechen nennen, ausgenommen etwa in Ehnen, wo sie auch in dieser Bedeutung brechen mit der kurzen Stammsilbe sprechen. Wer z. B. des Morgens sein Brot in den Kaffee brockt, um es auszulöffeln, macht sich „eng Brächelchen“, und tritt an die Stelle der Tasse ein ausgewachsener „Komp“, der die Dickmilch enthält und in den das Brot hineingebrecht wird, so wird die „Brächelchen“ zur Brach.
Herr Schliep selig würde diese Ethymologie für viel zu einfach erklärt haben, und auch Herrn Professor Tockert ist sie wahrscheinlich nicht wissenschaftlich genug. Indes ich halte daran fest, bis mir einer eine plausiblere Erklärung für Brach liefert.
Es ist merkwürdig, daß wir für das Wort brechen die hochdeutsche Form haben, wo es sich um die spezielle Bedeutung „brocken“ handelt. Indes gibt es das Brechen mit kurzer Stammsilbe im Luxemburgischen auch noch in einer andern, technischen Bedeutung. Die Operation, bei der die getrockneten Flachsstengel in Bündeln geknickt werden - das erste Stadium in der Aufbereitung des Flachses - heißt brechen und nicht breechen oder briechen.
Der Flachsbau und das hausgemachte Linnen waren vor dem Krieg nahezu vergessen. Schon vor dreißig, vierzig Jahren sang Michel Lentz - oder war es sein Sohn Edmund - mit elegischer Betonung: „We’ nieng Mamm nach huet gesponnen.“ Den Städtern war es schon damals ein Stückchen Mittelalter, daß man ein Hemd auf dem Leib tragen könnte, das vor dem Haus gewachsen und im Haus gesponnen und gewebt und genäht war. Heute kommt alles Hausgemachte wieder zu Ehren. Und so sah ich dieser Tage ein Bild von einer Brechkaul, wie sie im verflossenen Jahr auf einem öslinger Hof - er ist durch das Mißgeschick des Bären im „Renert“ berühmt geworden - wieder in schwunghafte Tätigkeit getreten war. Das Stückchen wäre eine Perle in jeder kulturgeschichtlichen Sammlung unserer Heimat. Man sieht im Vordergrund vier Brechen in Tätigkeit, während im Mittelgrund drei junge Mädchen die Schwinge handhaben und im Hintergrund der Feuermann vor dem Röstfeuer steht und den Besen schultert, mit dem er alle gefahrdrohenden Funken und Kohlen, die sich vom Herd weg verirren, erstickt. Mittlerweile ist im Haus, wo man ihn nicht sieht, ein Spezialist an der Hechel beschäftigt.
Dies Zurückschrumpfen von der anonymen Weltproduktion auf das Fleckchen Heimarbeit, wo die Söhne und Töchter eines Vaters und einer Mutter, mit ein paar Tagelöhnern aus der Nachbarschaft, die Hände regen, um daheim die Schränke mit duftigen Leinenschätzen zu füllen, - dies Wiederfinden einer längst verloren geglaubjen Kraft auf dem eigenen Grund und Boden, dies trotzige und befreiende Sich auf eigene Füße stellen ist etwas Erquickendes. Man sieht die Keimzelle der Gesellschaft quick und gesund, lebensstark und ewigkeitssicher. Ein Gefühl, das in den Zentren verfeinerter Kultur den Menschen völlig abhanden gekommen ist, lebt unbändig, fröhlich stark in diesen Menschen, die, trotzdem sie an allen Segnungen der Zivilisation teilhaben, die Verbindung mit der Erde nicht gelöst haben und fühlen müssen, daß, solange man ihnen die Erde läßt, ihre Kraft ungebrochen bleibt. Diese haben wahrhaft ihre Zuflucht am vielgepriesenen Busen der Natur, zu dem Millionen heute der Weg abgeschnitten ist.