Luxemburg zeigt Ansätze zur Citybildung.
Daran ist nichts Wunderbares. Jede Stadt, die sich hinauf entwickelt, tut es nach einem biologischen Grundgesetz. Vom Stadtembryo bis zum ausgewachsenen Individuum sind Stadien, die durchlaufen werden müssen. Das Interessante ist eben, die Stadt bei diesen Ansätzen und Entwicklungen zu beobachten und das Gesetzmäßige davon abzuziehen.
Die City ist die Intensifizierung von Handel und Wandel bis zur höchsten Höhe. Sie ist der Kessel, in dem Handel und Wandel so dick eingekocht sind, daß an Umrühren fast nicht mehr zu denken ist. Sie ist die ewige Congestion am Wirtschaftskörper. Aber sie ist auch Herz und Gehirn in einem, aus ihr strömen die bewegenden Gedanken und pulst das lebende Blut durch die Glieder, die die Welt umgreifen. Es ist, als sei die City ein Gipfel, den man erstiegen haben muß, um die Weltwirtschaft zu beherrschen, von dem aus alle Unternehmungen mit natürlicher Schwerkraft sich über den Weltmarkt hinabsenken, statt künstlich über ihn hinausgepumpt werden zu müssen. Was im Geschäftsleben Englands z. B. einen Namen hat, hat sein Kontor in der City. Dort ist jeder Zoll breit Boden Hunderttausende wert. Die City ist die Fabrik des Kaufmanns, des Bankiers. Dort umsaust und umbraust ihn das tausendfältige Getriebe des Geschäfts, wie mit Rüdern und Treibriemen, dort umlauern ihn alle Gefahren des komplizierten Mechanismus der Konjunktur.
Sobald aber am Nachmittag die Räder stillestehen, verläßt der Citymann die Fabrik und wird wieder Mensch. Er fährt im Zug oder Auto nach seiner Villa, die irgendwo meilenweit draußen im Grünen liegt, am Themfe-Ufer vielleicht, er vertauscht die Feder mit dem Tennis-Schläger und gibt Gott was Gottes ist, nachdem er dem Kaiser gegeben, was des Kaisers ist.
Soweit sind wir freilich noch nicht. Es gibt in Luxemburg noch keine Stelle, wo an bestimmten Tagen und Stunden der Verkehr lebensgefährlich wäre, außer da, wo der Charly durchfährt. Wir haben auch noch keine Vorortzüge, wie sie von einer Großstadt alle fünf oder zehn Minuten in die Umgebung hinausgepustet werden. Aber das kann noch kommen. Ich male mir eine Seite davon aus, wie es sein wird, wenn z. B. der Tram nach Esch einmal fährt. Die Straße, die Herr Giorgeiti in der Verlängerung der Maria-Theresienavenue in die Merler Wiesen hinein gelegt hat, denke ich mir in schnurgerader Fortsetzung bergauf bergab durch Wälder und Felder bis Esch, rechts und links die verlockendsten Siedlungen, nach denen abends um 7, 8 Uhr, oder schon viel früher - denn wir werden dann die englische Werkzeit haben - Hunderte in vollen Wagen hinausfahren werden ins Grüne, um sich für das nächste Tagewerk zu stärken, um von Fabrikschluß bis Fabrikbeginn Mensch zu sein.
Wenn ich vorhin von Ansätzen zur Citybildung in Luxemburg sprach, so dachte ich vielmehr an den Anblick, den heute das Stadtbild zu verschiedenen Stunden schon bietet und bei dem den Spießern aus unserer Festungszeit der Mund ausstehen geblieben wäre. So z. B. gegen 6 Uhr abends an der Post, wo alle Fenster erleuchtet sind und die Banken in vollem Betrieb aus allen Scheiben strahlen. Oder am Geleisdreieck in der Großstraße, wo Victoria-House und Nouveau Paris die beiden andern Ecken über die Achsel ansehen, weil sie sich noch nicht modernisiert haben, oder am Rotenbrunnen-Platz, oder auf dem Knodler, wo Knopf und Galeries de France die Umgebung mit Licht übergießen.
Laßt einmal das Leben wieder voll in Schwung kommen, ich glaube, wir werden das richtige Tempo schon finden.