Original

10. Dezember 1920

Es gibt Wörter, die in unserer Vorstellung stehen wie Pfeiler, die ganze Gewölbe tragen, zu denen von allen Seiten Beziehungen herüberreichen.

Ein solches Wort ist „Pflicht“.

Es weckt den Begriff des Ernstes, der Trockenheit, der Askese, des Entsagens.

Die Pflicht erscheint uns wie eine Frau in schwarz, womöglich mit Brille, den Zeigefinger an den Lippen.

Ich behaupte, das ist ein Fehler in unserer Erziehung, daß man uns von klein auf an der Pflicht verekelt. Wir sollten vielmehr in heidnischer Heiterkeit der Frau Pflicht das schwarze Gewand abstreifen und würden dabei die Entdeckung machen, daß sie gar nicht schlecht gewachsen ist. Und wenn sie die Brille ablegte, kämen ein Paar Augen zum Vorschein, die sehr wohl verliebie Blicke schießen könnten. Daß man uns die Pflicht zum „Kropemann“ macht, ist eine Verirrung, die noch aus mittelalterlich asketischer Weltanschauung herrührt.

Nach allgemeinem Sprachgebrauch ist heute Pflicht dasjenige, was man nicht gerne tut, aber tun muß, um sein Gehalt zu beziehen. Gehalt im weitesten Sinn genommen. Für den katholischen Christen ist z. B. die ewige Seligkeit ein Stück des Gehaltes, dem zulieb er seine Pflicht tut, ungern, aber im Bewußtsein, daß er dafür belohnt werden muß.

Man scheint jede Pflicht als eine Art Strafe anzusehen, als eine Rache der Gottheit für die Unbotmäßigkeit des ersten Ehepaares im Paradies. Wobei man sich immer fragen muß, was denn Adam und Eva an ihrem Fall für einen Genuß gehabt hätten, wenn es keine Sünde gewesen wäre. Da ja die verbotenen Früchte bekanntlich am besten schmecken. Aber grade den Genuß scheint der liebe Herrgott seinen Geschöpfen nicht gegönnt zu haben, und er erschuf ihnen zur Strafe die Pflicht, sagen sie.

Die Pflicht braucht aber nicht notwendig der oben gegebenen Definition zu entsprechen. Man kann die Gottheit hinters Licht führen, indem man in der Pflichtersüllung Genuß sucht und findet.

Es gibt zunächst die Pflicht, die sich mit den Liebhabereien und den Fähigkeiten des Individuums deckt. Jemand hat zum Beispiel Spaß am Bälgetreten, weil er sich einbildet, er sei es, der die Orgel so schön spielt. Er wird Bälgetreter, das heißt, das Bälgetreten, das ihm ein Genuß ist, wird ihm zur Pflicht. Ihm ist das höchste Glück beschieden, auf das ein Mensch Anwartschaft hat: Daß er seine Pflicht erfüllt, indem er sich einen Genuß verschafft und umgekehrt.

Das ist der Fall des Künstlers.

Wird der Künstler in seinem Beruf unglücklich, so kommt das daher, daß zwischen seinem Wollen und Können Mißverhältnis herrscht. Er empfindet, daß er die ihm obliegende Pflicht, zur Verschönerung des Lebens beizutragen, nur unvollkommen erfüllt, und er verzweifelt.

Wenn er ein Künstler ist.

Der Stümper verzweifelt nie. Die glücklichsten Menschen sind oft die, denen Gott ein Amt gegeben hat, ohne ihnen den dazu gehörigen Verstand zu geben. Je dümmer sie sind, desto glücklicher. Das sind dann die sogenannten reinen Pflichtmenschen. Sie versehen ihr Amt, wie sie eben können, gehen durch ihren Pflichtenkreis, harmlos, wie der Esel durch den Porzellanladen und vollziehen am Ende des Monats die Gebärde des Gehalteinstreichens wie eine sakramentale Handlung, die das Ganze krönt und ihm seine Weihe gibt.

Es gibt auch die Pflicht, der die Fähigkeit, aber nicht der Genuß entspricht.

Wem solche Pflicht obliegt, der ist allerdings am schlimmsten dran. Dem ist nur eins zu raten: daß er sein Leben zweiteilt. Eine Hälfte gehört der Pflicht, der sauren, trocknen, unfrohen Pflicht, die andere der Persönlichkeit. Diese zweite Schale seines Lebens muß so voll Genuß sein, daß sie die andere aufwiegt. Er muß mit der Pflicht zusammenleben, wie der Winzer mit der Reblaus. Da er sie nicht ausrotten kann, muß er in Freundschaft mit ihr auskommen und neben ihr seine gesunden Trauben von der Sonne reisen und durchleuchten lassen.

Und dann ist es im Leben oft auch so, daß die Pflicht, auch im schlimmsten Fall, ein Genuß sein kann, während das sogenannte Vergnügen oft eine Pflicht ohne Genuß ist.

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    Katalognummer BW-AK-008-1792