Unser Landsmann Herr Leo Reiffers hat uns seit längerer Zeit wieder einen Zirkus hergebracht, der sich amerikanisch nennt, obgleich sein Personal durchweg die Sprache redet, deren Sicherheitsventil das schöne Wort Godverdomme ist.
Ein Zirkus braucht, um gut zu sein, nicht amerikanisch zu sein. Übrigens ist heute sozusagen jeder Zirkus gut, denn die Nummern wandern von einem zum andern und jede Nummer muß, um bestehen zu können, irgend ein Summum verwirklichen.
Die zirzensischen Spiele zeichnen sich durch dreierlei aus. Sie müssen ein Maximum darstellen, sie müssen derart „sitzen“, daß der Artist seine Nummer im Halbschlaf absolvieren könnte, und sie müssen als Anblick fesselnd, graziös, elegant oder aufregend sein.
Wer heute nicht mit einer Spitzenleiftung auftreten kann, kommt unter die Räder und fällt von Stufe zu Stufe. Maximum ist Trumpf. Und Maximum auf dem Gebiet körperlicher Leistung heißt Überwindung ungeheurer Schwierigkeiten. Ein Saltomortale kostet mehr Lernen und Üben, als die doppelte Buchsührung, und kein Mann und keine Frau auf Erden würden es sich einfallen lassen, sich bei Gefahr ihres Lebens in der Luft um sich selber zu drehen, wenn der verfluchte Ruhm nicht wäre, die Lockung des Beifalls, des Bewundertwerdens durch Tausende. (Eben fällt mir ein: Hat schon jemand eine Frau den Salto mortale machen sehen? Gehört der Salto mortale zu den Dingen, die die Frau dem Mann nicht nachmachen kann?)
Jeder Artistentrick muß zweitens derart eingeschliffen sein, daß er ganz von selbst abrollt. Sie kennen die Nummer, bei der eine Frau sich mit gespreizten Armen vor eine Bretterwand hinstellt und der Mann die ganzen Umrisse ihres Körpers entlang scharfe Messer auf zehn Schritt Entfernung in die Wand wirft. Ich las vor Jahren eine Erzählung, in der ein solches Bankistenpaar vorkam. Sie hatte ihn mit einem Kollegen betrogen, er beschloß, sich zu rächen, indem er ihr während einer Vorstellung das Messer, das rechts neben den Hals treffen sollte, gradenwegs in die Kehle werfen würde. Er versuchte jeden Abend vergebens den Todeswurf, immer flog das Messer an seine gewohnte Stelle und blieb zitternd unter dem rechten Ohrläppchen stecken. Derart war dem Mann das richtige Treffen zur zweiten Natur geworden.
Schwierigkeit und Akkuratesse allein tun es nicht, ein Stück muß auch, wie gesagt, nach etwas aussehen. Die vollendetste Akrobatin würde die ganze Geographie verschimpfieren, wenn sie krumme Beine hätte oder wenn sie die Füße, statt spitz hinausgestreckt als graziösen Ausklang der Beinlinie, krampfhaft im rechten oder gar spitzen Winkel nach oben gebogen hielte.
Wir sind, seit uns der Pôle-Nord jede Woche ein großstädtisches Programm bringt, dem Variété gegenüber kritischer geworden, als früher, wo nur an der Schobermeß unser Schaubedürfnis in dieser Richtung Befriedigung zu finden pflegte. Das Publikum hat dengleichen zu beurteilen gelernt. Aber die Anspruchsvollsten müssen sagen, daß der amerikanische Zirkus draußen u. a. eine Nummer besitzt, die obige drei Forderungen in erstaunlich hohem Maße erfüllt. Ich meine die junge Diabolospielerin. Man sieht ordentlich, wie sie in ihre originelle Spezialität hineingewachsen ist. Wie sie als kleines Mädchen auf der Straße ihr Teufelchen bis in Dachhöhe schnellte und ihm mit ausgestrecktem Stäbchen wieder entgegenstrebte, wie die Lust an der graziösen Bewegung ihre Glieder erfüllte, wie ihr allmählich die ungeahnten Möglichkeiten ausgingen, die in der Beschäftigung mit diesem Spiel lagen. Und sie hat sie anscheinend so ziemlich alle herausgeholt. Sie ist einem Geheimnis der Schöpfung nahe gekommen, der Stetigkeit im Kreisen. Ihr Diabolo gehorcht ihr, sobald sie ihn in rasende Rotierung versetzt hat, er hält sich mühelos auf der Spitze eines dünnen Stäbchens, fliegt behend eine Schnur bis unters Zeltdach hinauf und apportiert sogar ein paar Fähnchen. Und auf behenden Füßen hüpft und tanzt und fliegt seine Herrin herum, ein Stückchen Schöpferkraft, die das All in kreisender Bewegung erhält.