Original

12. Dezember 1920

Sonntags morgens zum Kaffee ist eine kleine Geschichte immer willkommen, zumal wenn sie wahr ist.

Diesmal ist es zwar eine Jagdgeschichte, aber wahr ist sie doch. Einer, der dabei war, hat sie mir brühwarm erzählt. Er ist Jäger - und was für einer! und ein Jäger lügt nie.

Also sie waren zu zirka zwölf Flinten ins Preußische nach Vorg-Leuken ausgerückt, wo der Förster Sauen fest hatte.

Die Sauen haben nun aber fatalerweise seit dem Krieg auch Taktik und Strategie gelernt, sie scheinen sich einzugraben, sie lösen sich mit bewundernswertem Geschick vom Feinde, sie kennen alle Kniffe, mit denen man den Gegner hinters Licht führt, und ich fürchte sehr, wenn die Jäger nächstens nicht zum Gasangriff übergehen, so können sie bald dem letzten Wildschwein ein Nationaldenkmal im Grünewald errichten.

Aus diesen kurzen Ausführungen wird der geneigte Leser auf den negativen Erfolg der Saujagd von Borg-Leuken schon von selbst geschlossen haben. Abends saß die Gesellschaft müde, aber vergnügt, beim Pöttchen und suchte Trost in alten Geschichten von wunderbarem Weidmannsglück, als plötzlich die Türe aufsprang und in ihrem Rahmen ein Treiber erschien, blaß, mit schlotternden Knieen und keuchend herausbrachte, daß ein Schwein von mindestens dritthalb Zentnern vorm Dorf in einem Acker stehe.

Der Förster fand, es sei zu dunkel, die andern fanden es auch, nur Emil fühlte in seiner Brust die Flamme der Jägerpassion neu angefacht, er ergriff die Flinte und stürmte hinaus in die finstre Nacht. Nicht lange dauerte es, so erblickte er von weitem die Umrisse des Keilers. Er gewann ihm den Wind ab, pürschte sich vorsichtig heran, zielte kaltblütig dem Saatenverwüster aufs Blatt und drückte los.

Da! Ein Schrei, wie er in der Kirmeswoche in den Morgenstunden durch die Dörfer zu gellen pflegt, eine strampelnde dunkle Masse am Boden, Nachbarn mit Laternen, Flüche und Verwünschungen ........ Sie erraten das Übrige. Emil hatte einem zahmen Vetter des vermeintlichen Keilers, einem harmlosen Hausschwein das Lebenslicht ausgepustet und mußte dem Besitzer den Preis dafür mit rund 6000 Mark erlegen.

Der Fall ist ja nun an und für sich nicht selten, aber das Dumme an diesem ist, daß Emil jedesmal, wenn er von dem Schwein, das schließlich ihm gehört, ein Stück essen will, zum mindesten bis Perl oder Nennig gehen muß, weil die Aussuhr verboten ist.

Moral: Wenn du auf der Jagd ein zahmes Schwein erlegen willst, so bleib im Land und nähre dich redlich.

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    Katalognummer BW-AK-008-1794