Es ist die höchste Zeit, daß etwas zur Rettung einer Anzahl von Mitbürgerinnen geschieht.
Seit der grimmige Frost dieser Tage eingesetzt hat, ist es unbestreitbar lebensgefährlich, sich in unzulänglicher Bekleidung ins Freie zu wagen.
Das tun aber sozusagen alle Städterinnen bis zum Alter von - sagen wir einmal 28 Jahren. Ihrer aller Tyrann ist der Seidenstrumpf, der die Haut rosig durchschimmern läßt, sie sozusagen mit einem Seidensirnis überzieht. Lieber, als daß eine Wollstrümpfe anzöge, ginge sie ins Kloster.
Nicht alle sind, glücklicherweise, so unentwegt. Ich sah dieser Tage eine junge Dame - jawohl, bitte, sehr jung und sehr hübsch und sehr elegant - die zu ihrem reichlich kurzen Rock dicke wollene Strümpfe trug. Dabei nicht einmal in einer Modesarbe; sondern von einem stumpsen Hellgrau, das gleichsam burschikos wirkte. Die junge Dame gehörte zu einem Automobil, und ich war keineswegs verwundert, als sie den Führersitz einnahm, den rechten Vorderarm graziös um das Steuer legte und in eleganter Kurve nach einem kühnen Ansprung davonprustere. Denn wenn eine es heute wagt, inmitten der schwarzen und farbigen Seidenorgie wollbestrumpfte Unterschenkel in grau zu zeigen, so ist sie sollständig und tapfer genug zum Chauffeur.
Also ich breche aus in das Feldgeschrei: Gegen die Seidenstrümpfe! Ich tue es im Namen der Männerwelt, die nie so selbstlos und entsagungsfreudig war, wie bei dieser Gelegenheit. Denn sie verzichtet freiwillig auf eine Augenweide, die ihr unentgeltlich und auf das freigebigste geboten wird. Sie verzichtet, weil sie es nicht mehr mit ansehen kann, daß ihr zulieb die Damenwelt sich unglücklich machen will.
Denn daran ist nicht zu rütteln: Das Herumlaufen in papierdünnen Seidenstrümpfen in dieser bittern Kälte ist direkt lebensgesährlich. Zwar behaupten die Huldinnnen, sie frieren mit nichten an den Beinen, weil ja bekanntlich nichts so warm halte, wie Seide, aber ihre roten Näschen strasen sie Lügen. Es ist ein Jammer, wie man den grimmigen Frost förmlich in das rosa Wadenfleisch hineinbeißen sieht! Das eigene Blut möchte einem bei dem Anblick erstarren, wenn es grade nichts Besseres zu tun hätte, und man sieht im Hintergrund die Lungenentzündungen in Scharen lauern, träumt von Jungfrauenbegräbnissen mit weißen Fliederkränzen auf dem Totenwagen und weinenden Jünglingen am Grab, die hinterher ihren Schmerz in ebenso gefühlvollen wie fehlerhaften Gedichten ausströmen lassen.
Das Alles wäre zu vermeiden, wenn die Damenwelt zu einer wärmeren Beinbekleidung greifen wollte. Aber die verdammte Mode hat alle Köpfe verdreht. Es gilt für reizend, daß man um Hals und Kinn herum die frileuse spielt, weil man da mit teuern Pelzen Luxus treiben und hübsche Handstellungen machen kann. Und es gilt für ebenso verführerisch, daß die Beine mitten in sibirischer Kälte sich überaus sommerlich gebärden. Preisfrage: Wie ist dies psychologisch zu erklären?
Aber aufhören muß es. Die Zukunft des Geschlechts steht auf dem Spiel. Grade die Besten spielen am leichtsinnigsten um ihre Gesundheit. Ich fordere hiermit die Schönste, Eleganteste, Bestgewachsene auf, den Anfang zu machen. Ich werde eventuell ihren Namen in der Zeitung veröffentlichen.
Wir werden gern das Opfer bringen und uns bis zum Frühling gedulden.