Etwas in unserm Straßenbild hat sich verändert, ohne daß die Änderung sich aufdringlich bemerkbar machte.
Hätte sie sich vor dem Krieg von einem Tag zum andern vollzogen, so wäre die Wirkung ganz gewiß eine durchschlagende gewesen.
Die Änderung besteht darin, daß der deutsche Geschäftsreisende durch den franzosischen und den belgischen ersetzt ist.
Nicht ganz. Hie und da trifft man schon wieder einen Herrn, dessen Aussehen das wilhelminische Zeitalter immer noch nicht verleugnen kann. Aber das Cros besteht aus Franzosen und Belgiern.
Der deutsche Geschäftsreisende - verächtlich Gummiwutsch, eurhemistisch Vertreter, luxemburgisch „Preiß mat Musteren“ - hat in seiner Person die ganze Entwicklung des Reiches verkörpert. Das ganze Bestreben, aus dem Koofmich ein Gent zu werden, Wie das Deutschland aus der Zeit nach siebzig der Konkurrent Englands in der Besitzergreifung des Erdballs wurde, so suchten sich die Emporien des deutschen Handels, zunächst Bremen und Hamburg, auch gesellschaftlich nach England zu modeln. Aber das englische Vorbild wurde nicht in seiner völkischen Reinheit nachgeahmt, die Nachahmung bekam einen Stich ins Steife, Uniformierte. Ich habe beispielsweise nie begriffen, warum in Deutschland der Zahnbürsten-Schnurrbart als englische Barttracht bezeichnet wurde.
Der deutsche Reiseonkel aus der Viedermeierzeit, dem sie hier nachsagten, er habe sich das Vorhemdchen - Laberdönchen - direkt an die Haut festgesteckt und zum Abendessen nie mehr als ein Wurstbrot genossen, hatte sich letzten Endes zu einem Herrn entwickelt, der dem Volk Nespekt einzuflößen vermochte. Er sorgte dafür, daß man ihm den Neserveoffizier ansah. Viele Geschäftsreisende waren Ingenieure, die mit Vertretungen mohr verdienten, als in ihrem eigentlichen Beruf. Manche darunter wurden ihres offiziermäßigen Auftretens glatt als Spione angesprochen. Das waren meist Arier. Die Semiten der Branche legten weniger Wert auf schneidiges Auftreten als auf eine reiche und oft erneuerte Sammlung von Witzen. Sie suchten den Kaufmann nicht hinter dem Reserveleutnant zu verstecken, und wenn sie Skat spielten, so trugen sie ostentativ den Bleistift hinterm Ohr und führten Buch, als säßen sie im Kontor. Aber allen gemeinsam war das wesentlich deutsche Stammtischbedürfnis.
Der französische Reisende ist ein Mann mit schwarzem Schnurrbart und grauen Tuchgamaschen. Er ist Südfranzose und redet, wie ein Wasserfall. Das kommt daher, weil ursprünglich die meisten französischen Geschäftsreisenden Weinreisende waren und aus den Gegenden stammten, wo der Wein wächst, der die Zungen löst. Es ist übrigens ein völkerpsychologisches Kuriosum, daß in Frankreich die Schwätzer und Prahler aus dem Süden, in Deutschland aus dem Norden stammen. Der deutsche Tartarin ist aus Berlin, die französische berliner Schnauze aus Marseille und Bordeaux.
Im Gegensatz zum deutschen Reiseonkel hat sich der französische gar nicht auf den Leutnant stilisiert. Der Commis Voyageur bringt in seiner Person zum Ausdruck, was dem Volksdurchschnitt grade am wünschenswertesten erscheint. Für den kriegerischen Franzosen ist der Leutnant durchaus nicht das Ideal, das er für den militaristischen Deutschen ist oder wenigstens war.
Der belgische Geschäftsreisende ist rein Mensch. Er trägt ein braves bürgerliches Aussehen zur Schau und legt keinen Wert darauf, weder für einen Engländer, noch für einen Reserveleutnant, noch für einen Diplomaten oder Millionär gehalten zu werden. Wofern er beim Kunden seine Ware anbringt, ein gutes, billiges Hetel findet und abends hie und da die Gelegenheit zur Vadrouille oder zu einer gemütlichen Pfeife Tabak, so ist er zufrieden.
Wir, die Belgier und die Schweizer bringen es wirklich nie dazu, daß wir als vornehme Knaben durch die Welt gehen.