Wohlan, Schnee. Bringer der traulichen Winterstimmung, Dichter der Weihnacht, komm endlich!
Einmal schon brachst Du mit Ungestüm herein, mit dosengroßen weißen Flocken, als wolltest Du Dich fußhoch legen über Berg und Tal. Aber es war ein zornig-ohnmächtiger Anlauf.
Seither stäubt es hie und da morgens weiß über die Straßen, wie ein dünnes Häutchen legt sich der vom Frost gekörnte Morgennebel über Straßen und Dächer. Kaum dick genug, daß ein Fuß seine Spur darin zurückläßt. Und dann kommt der Wind und wirbelt den weißen Staub des Himmels und den grauen Staub der Erde durcheinander, wie Pfeffer und Salz.
Die Prozedur ist mir unsympathisch.
Der Straßenstaub an sich kann seine Schönheit haben. Aber Schnee und Staub, Himmlisches und Ichisches sollte man nicht vermengen. Der Schnee kann den Staub nicht adeln, er kann mit ihm zusammen schließlich nur zu Dreck werden.
Ein heller Frühlingsstaub, der vorm Wind wie Geisterschlitten dahingleitet, sich auflöst und versinkt, der als Zeuge fröhlicher Wanderung sich Dir auf die Schuhe legt, der unterm lauen Lenzregen Erdgeruch ausstpömt, dieser Staub ist uns nicht verächtlich. Aber wenn er aus allen Unsauberkeiten der städtischen Straßen gemischt ist, wenn er bei minus 8 Grad Reaumür von einem bissigen Nordost aufgewirbelt wird, der einem die Schleimhäute austrocknet, der seit Monaten hartnäckig aus der Gegend herüberweht, wo aus Vorussentum und Bolschewismus die Revanchesehnsucht gegen den Westen sich immer wiedergebiert - wenn dieser Staub des Hasses und der Häßlichkeit sich bazillenschwer in unsere Lippen und unsere Naslöcher und unsere Augen drängt, dann, @ Schnee, rufen wir zu Dir als dem Erlöser, der kommen und den Feind niederschlagen und unter sich begraben soll.
Komm, o Schnee, lege Dich zur Weihnacht auf die Tannenzweige, daß sie wie die schlanken Hände eines Chopinspielers in den Raum greifen, daß die Christnachtvisionen der Künstler zur Wirklichkeit werden. Die Davoser und Skier zittern in ihrem/ Verschlag vor Gier nach Dir, die Handflächen träumen von Deiner eisig nassen, fröhlichen Herbheit, aus der klopfend pulsierende Wärme wird. Und unsere Seelen sehnen sich nach der weißen, reinen, reinigenden Langweile Deiner eintönigen Flächen, über die die Gedanken zwischen Himmel und Erde schweben, ohne sich an die scharfen Kanten der Wirklichkeit zu stoßen.
Dann wird auch der Tag der Schneeschmelze kommen. Es wird von Baum und Hecke und Dächern träufeln, tausend Rinnsale werden über die Erde duschen, froh der neuen Einschaltung in den lustigen Kreislauf durch Erde und Himmel, die Schollen zur Sonnfeite werden braun aus der weißen Decke hervorgucken und im Schoß der Erde werden Billionen und Trillionen von Keimen zu schwellen anfangen. Der Erde wird zumute sein, wie einem Fieberkranken, bei dem die Krisis zur Genesung ausschlägt. In den Lüften wird ein lauer Atem gehen, und bald werden die ersten Kroküßchen .........
Kapitän, sind Sie des Teufels!