Original

22. Dezember 1920

Daß die Verhandlungen über unsern wirischaftlichen Anschluß an Belgien zurzeit an dem Astknoten angelangt sind, der hierzulande volkstümlich Daies Maies heißt, also am leidigen Bargeld, wußte seit einiger Zeit jodermann. Wir haben die 250 Millionen Mark liegen, die unser Staat nach dem Waffenstillstand gegen luxemburgisches Geld übernommen hat, und wissen nichts damit anzufangen. Wollte sie Deutschland zum heutigen Wechselkurs gegen luxemburgisches Papier eintauschen, so wäre es ein Gegenstand von über einer Milliarde Mark, im Nennwert also mehr als ein Viertel der Kriegsentschädigung von 1870, die ein halbes Jahrhundert lang als die größte Barsumme der Geschichte in der Vorstellung der Völker lebte. So haben wir uns ermacht.

Aber Deutschland denkt nicht daran, uns diesen Gefallen zu tun. Wer heute nicht absolut muß, rückt keinem andern zulieb drei Viertel Milliarden heraus. Und müssen muß Deutschland uns gegenüber immer noch nicht, weil es erstens nach dem Grundsatz handelt: Not kennt kein Gebot! und weil es zweitens trotz seines Schlamassels immer noch so stark ist, daß wir es nicht mit Krieg überziehen könnten.

Also heißt es, sich an einen Stärkeren anschließen, der uns mit durchträgt. Das wäre in diesem Fall Belgien. Belgien hat mit Deutschland eine ähnliche Rechnung, die sich auf 6-7 Milliarden beläuft. „Ob Ihr unsere Viertelsmilliarde dazu schlagt oder nicht - das geht in einem Aufwaschen,“ meinen unsere Unterhändler.

Es ging auch die Rede davon, daß uns Belgien durch seine Nationalbank ein Darlehen auf die 250 Millionen Nark gewähren sollte, die ihm als Psand übergeben würden und mit denen die Bank arbeiten könnte, bis sich die deutsche Valuta wieder erholt hätte. Das war der Zeitpunkt, wo die Unterhändler sagten; Jetzt müssen die Herren von den Banken heran! - Daher die Pause.

Unsere Delegierten geben sich natürlich alle Mühe, möglichst viel für uns herauszuschlagen. Sie verdienen damit den Dank des Landes. Es gibt indes Nörgler, die behaupten, es sei viel gescheidter, wenn wir die belgische Gefälligkeit möglichst wenig in Anspruch nähmen. Bei solchen Geschäften sei es nicht im Interesse des Schwächeren, daß er eine Dankesschuld gegen den Stärkeren übernimmt.

Die Nörgler können recht haben. Aber wenn der Fall so liegt, daß wir den höheren Interessen der Westmächte zulieb schließlich doch zu Manchem ja und Amen sagen müssen, was uns nur bedingungsweise lächelt, so empfiehlt es sich vielleicht, trotz der Widerrede der Nörgler, möglichst viel herauszuschlagen.

Im Brüsseler «XX. Siècle» stellt jemand, der nur unvollständig Bescheid zu wissen scheint, Betrachtungen an über die Zusammensetzung der 250 Millionen Mark, die Belgien für uns mitübernehmen soll. Er spricht z. B. von den enormen Summen, die die luxemburger Schwerindustrie seit 1914 auf Kriegslieserungen verdient hat und die mit umgetaufcht worden seien. Es wird Herrn Neyens ein Leichtes sein, das Brüsseler Blatt über diesen Punkt - oder über diese zwei Punkte - restlos aufzuklären.

Andererseits gibt der Korrespondent des «XX. Siècle» ein Gerücht wieder, wonach für die greßherzogliche Familie 80 Millionen Mark mit umgetauscht worden seien. Vielleicht nimmt Herr Neyens daraus Anlaß, auch über diese Sache der Öffentlichkeit klaren Wein einzuschenken. Wenn für das groscherzogliche Haus 80 Millionen umgetauscht worden wären, so sähe man nicht ein, warum der Staat nicht auch die Guthaben der Banken übernommen und zahlreiche bedauernswerte Aktionäre vor dem Ruin gerettet hätte.

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    Katalognummer BW-AK-008-1800