Original

23. Dezember 1920

Ich kaufte das Buch, weil ich sicher war, ich würde es in einem Zug zu Ende lesen: „Latzio, Menschen im Kriege.“ Ich hatte noch während des großen Mordens ein Stück davon im Feuilleton einer Schweizer Zeitung gelesen und wurde tagelang den Eindruck von Grauenhaftigkeit nicht los, der davon ausging.

Jetzt liegt das Buch seit Monaten vor mir auf dem Schreibtisch und ich habe es noch nicht einmal in der Hand gehabt.

Nicht, weil mir davor graut. Nein, es ist ganz gewöhnliche Interesselosigkeit. Ich weiß, die Schilderungen würden mich langweilen. Der Krieg ist überlebt. Er liegt hinter uns wie eine Gegend, in der unzählige Leichen verwesen und ansteckende Dünste verbreiten. Wir streben davon weg, in eine gesündere, reinere Zukunft.

Solange die Dauerschlachten hinter den Bergen im Westen donnerten, hatten wir den sehnlichen Wunsch, diese Umkrempelung in der Weltgeschichte mitzuerleben. Ich schrieb damals: „Wir erleben diesen Krieg nicht. Unser Erleben beschränkt sich auf das Warten, bis der Krieg vorbei ist. ... Das ist das Quälende, daß wir vom Kriege nichts erleben und daß er doch unser ganzes Denken und Empfinden von dem nächsten ablenkt. Wir leben und denken und fühlen mit einer Schlinge um den Hals. Wir tun unser Tagewerk, wie Nachtwandler, und denken dumpf resigniert, daß unser Tun unnütz ist. Der kleinste Rekrut, der mit verbundenen Gliedmaßen aus der Front zurückkommt, hat die entsetzliche Kraftentfaltung seiner Zeit miterlebt. Er hat die unglaubliche psychologische Wandlung mit durchgemacht, die ein Teil der Menschheit in diesem Krieg durchmachen mußte, und die wir, die Außenseiter, nicht verstehen, die niemand versteht, der nicht darin mitschwingen durfte. .... Ich tue meine Arbeit, ich schreibe meine Spalten voll, aber ich bin nur mit halber Seele dabei. Meine Gedanken dringen nicht an den Kern der Dinge, weil sie draußen sind, bei den Millionen, desen tägliches Brot das Töten und Sterben ist. Ich komme mir unnütz vor unter denen, die den Menschen noch etwas werden sagen wollen. Denn ich war nicht in dem furchtbaren Flammenbad, das denen da draußen die Seelen schmilzt und wieder stählt.“

Wenn man so den heißen Wunsch hatte, dabei zu sein, sollte man, dächte ich, froh sein, hinterher mit den Zeugen der Schlachten diese nachzuerleben. Und ich betrete mich bei dem ebenso heißen Wunsch, mit allem, was an den Krieg erinnert, verschont zu bleiben. Meine Tagebücher aus jener Zeit ekeln mich an. Vielleicht kommt es daher, weil die Menschheit sogar das Massenmorden heutzutage fabrikmäßig betreibt und kein Kulturmensch für Fabrikware noch Interesse hat. Vielleicht ist es rein körperlicher Widerwille. Wir verdanken es Barbusse, daß in unserer Vorstellung vom Krieg nasse Füße und Fäkalien eine unverhältnismäßig große Rolle spielen. Das Horazische «Dulce et decorum est pro patria mori» erscheint unter diesen Umständen noch reichlich wohlwollend übersetzt, wenn der Deutsche sagt: „Soldat spielen hätte seinen Reiz, wenn nur der verfluchte Heldentod nicht wäre!“

Vielleicht wird das anders, wenn einmal die jungen Helden von heute Greise geworden sind und wenn auf ihren Knien Enkel herumklettern, die sagen: „Bonpapa, erzähle, wie war es bei Verdun?“ Vielleicht wird der Bonpapa eine anständige Schilderung zusammenbringen, vielleicht wird er auch sagen: „Mein lieber Junge, ich weiß gar nichts mehr, es ging immer alles zu schnell.“

Wo sind die idyllischen Kämpfe hin, wie sie Liliencron in seinen Kriegsnovellen, oder Rudolf Hans Bartsch in seinem „Letzten Studenten“ erzählt, oder wie sie sich vor 90 Jahren im Park von Brüssel zwischen Holländern einer- und Belgiern und Luxemburgern andrerseits abspielten! Die «Indépendance Belge» erwähnt, daß der Commandant Rogister vom 13. Linienregiment dem belgischen Heeresmuseum soeben die Uniform geschenkt hat, die damals sein Großvater als luxemburger Freiwilliger trug. Die dazu gehörige Pelzmütze ist ein Gedicht. Sehen Sie, mit solchen Mützen ließen sich noch Kriege führen, die man hinterher poetisch verklären konnte. Aber mit Fabrikmassenmord und verschlammten Schützengräben ist in der Dichtung kein Staat zu machen.

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    Katalognummer BW-AK-008-1801