Original

25. Dezember 1920

Also sprach zu mir der Weihnachtsbaum:

Ihr habt mich von meiner Mutter Erde, aus dem Kreis meiner Brüder fortgerissen, damit ich Euch ein Gleichnis sei der Erlösung und des Friedens. Meinetwegen. Ihr schmückt mich für den Anlaß mit Kerzen und Flitter und hängt Köstlichkeiten an meine Zweige. Aber Ihr schmückt Eure Herzen nicht desgleichen. Ihr lebt in Streit und Tücke und Niedertracht und Unversöhnlichkeit, unerlöst und unbeglückt bis dicht an die Kalenderstunde der Beglückung und Erlösung heran, und dann soll ich im Handumdrehen mit meinem Duft und meinen Kerzen das Weihnachtswunder wirken!

Meinetwegen. Ich will es versuchen.

Ich weiß, ich tue es um den Preis meines Lebens. Schon stehen in mir die Säfte still, und wenn ich von der verzärtelten Gattung der Laubhölzer wäre, denen im Herbst aus lauter Angst vor dem Winter die Blätter herunterfallen, wäre ich längst schlapp und welk. Aber ich bin an Trotz und Stechen gewöhnt und ich beiße die Zähne aufeinander und trotze dem Tod noch, wenn er mir im Herzen sitzt.

Und ich danke Euch trotz allem. Ihr laßt mich in Schönheit sterben. Ich weiß, daß für gesteigerten Lebensrausch der Preis bezahlt werden muß, den Ihr bezahlt, wenn Ihr, wie Ihr sagt, die Kerze an beiden Enden brennen laßt. Sei’s drum. Ein Abend in Glanz und Glorie ist vielleicht ein ganzes Leben im Schatten wert.

Aber eines mußt Du mir versprechen: Laß mich nicht auf dem Müllhaufen verkommen!

Ich weiß von einem alten Fichtenonkel, wie es uns nach Weihnachten ergeht. Die uns erwartungsfroh geschmückt hatten, gehen mit Langweile und Überdruß daran, uns abzutakeln. Dann werden wir draußen in eine Ecke gestellt, bis uns die Nadeln dürr und farblos abfallen, wie die Haare von einem verdorbenen alten Fuchspelz. Wir werden aus der einen Ecke in die andre geworfen und eines Morgens finden wir uns mit allerhand Küchenabfällen oben auf einem Müllwagen wieder. Wenn’s hoch kommt, werden wir zu Brennholz und vom Dienstmädchen zum Feueranmachen benützt.

Ich bitte Dich um den Feuertod, aber nicht als Brennholz im Küchenherd. Laß mich ganz in Schönheit sterben. Eines Nachts, um die Sonnenwende, wenn schon der neue Frühling von ferne über die Erde atmet, dann nimm mich hinaus auf den höchsten Gipfel, stelle mich mit dem Fuß in den Schoß meiner Mutter Erde und lege die Fackel an mich. Laß mich lohen und leuchten weithin und in Flammen sterben, und laß meine Asche im Wind hinausfliegen, so weit er weht. Das bist Du mir schuldig!

Also sprach zu mir der Weihnachtsbaum.

Und ich sagte: „Recht gern, lieber Weihnachtsbaum, aber Du wirst sehen, ich werde von der Polizei wegen groben Unfugs aufgeschrieben. Denn es ist im Interesse der öffentlichen Ruhe verboten, daß man alte Weihnachtsbäume nachts draußen verbrennt und durch das Leuchten die Feuerwehren der Umgegend alarmiert.“

Sagte der Weihnachtsbaum: „Wie ist mir um mein Leben leid! Hätte ich es so gewußt, so hätte Euch der Kuckuck erlösen und beglücken gemocht, ich nicht!“

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    Katalognummer BW-AK-008-1803