„Was glauben Sie wohl!“ sagte der Zollbeamte nach beendigter Revision. „Wir hätten auch viel lieber eine andere Beschäftigung, als so den Leuten zu nachtschlafener Zeit tückischerweise ihr Geld abzunehmen und von ihnen in die unterste Hölle verwünscht zu werden. Wir können doch nichts dafür! Aber wir sind die nächsten beim Schuß, uns trifft es immer. Wenn einer sich ärgert, daß er 67 Francs Taxe für ein Paßvisa, oder 12 Francs Zoll für ein Pfund Tabak bezahlen muß, dann läßt er seinen Ärger an uns aus, es fällt ihm nicht ein, nach Luxemburg in die Kammer zu fahren und von der Tribüne herab Minister und Abgeordnete zu apostrophieren, die den Zollvertrag schließen und die Tarife festsetzen. Wir blieben auch lieber in unsern Betten liegen, statt in kalten Winternächten die armen Reisenden, Damen und Herren, aus ihren gutgeheizten Abteilen aufzuscheuchen mit dem Schreckenswört: «La douane!»
„Jawohl!“ sagte darauf ein Zahnarzt. „Jeder haßt am glühendsten seinen eigenen Beruf. Ihr müßt den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen, das ist schmerzhaft, aber lange nicht so schmerzhaft, wie wenn ich ihnen die Zähne aus dem Mund ziehe.“
„Dafür setzen Sie ihnen aber auch manchmal Gold nein,“ sagte der Zollbeamte.
„Bei Ihnen reißen die Leute den Mund immer erst nach der Operation auf, bei mir schon vorher!“
Ich suchte zu vermitteln und sagte: „Streitet Euch nicht, Kinder, ein jeder trägt hienieden sein Kreuz, die einen jammern darüber und wollen bemitleidet sein, die andern tragen es still und die Leute glauben manchmal, das seien die Glücklichen, weil sie sich nichts anmerken lassen. Ich saß einmal an einer Festtafel und hatte einen zu engen Kragen an. Schon bei der Suppe glaubte ich, ich werde es nicht bis zum Fisch aushalten, beim Fisch biß ich die Zähne aufeinander und kam glücklich bis zum Braten und so weiter. Ich trug es wacker durch und beneidete die andern, die ganz in der Festesfreude aufgehen konnten. Auf einmal stieß mein Nachbar einen halb unterdrückten Fluch aus: Seine Lackschuhe waren ihm ebenso zu eng, wie mir mein Kragen, und er hatte ebenso seinen Stolz darein gesetzt, daß man ihm nichts ansähe. Man soll nie glauben, wenn einer sich nichts anmerken läßt, daß bei ihm alles in Ordnung ist. Das ganze Unglück in der Welt kommt vielleicht daher, daß die vermeintlich Glücklichen zu fein und zu stolz sind, ihr Elend zur Schau zu tragen und so den grenzenlosen Reid der Massen aufstacheln.“
Da sagte ein Proletarier: „Jawohl, das Sprüchlein vom heimlich getragenen Elend der Glücklichen kenne ich. Ihr Elend ist ein anderes, als unser Elend. Wenn sie unglücklich sind, können sie sich auf sich selbst zurückziehen, sich vor den andern abschließen und ihre Sache mit sich ausmachen. Aber bei uns ist es so, daß wir im Unglück den andern preisgegeben sind. Gläubiger, Hasser, Spötter, Rächer, alle sind auf uns losgelassen, unser Leben gehört nicht mehr uns, sondern ihnen. Verstehen Sie das, merken Sie den Unterschied! Unser Leben gehört den andern, sobald wir elend werden. Die aber auf der Menschheit Höhen wandeln, mögen unglücklich sein, wie die Steine, sie können ihr Leben rein halten vor fremder Betastung. Sie können zwischen sich und allem Feindseligen den Wall ihres Geldes aufrichten und sich isolieren. Das können wir nicht.“
„Das könnt Ihr auch!“ sagte ich. „Ihr braucht nur alles Feindselige verachten zu lernen!“