Original

5. Januar 1921

Im „Journal des Debats“ erschien mit der Unterschrift «Comte de Fels» dieser Tage ein Brief, dessen Verfasser große Unzufriedenheit darüber äußert, daß Luxemburg bei seinem Gesuch um Aufnahme in den Völkerbund das Ansinnen gestellt hatte, seine Neutralität auch weiterhin anerkannt zu sehen. Der Verfasser schließt daraus, „daß Frankreich und Belgien auf das Militärbündnis verzichtet haben, das von Anbeginn auf das unzweideutigste von diesem bewunderungswerten kleinen Land mit dem treuen Herzen angeboten worden war“. Für diese Nachlässigkeit fehle jede Erklärung, sie sehe sogar aus, wie ein Paradoxon, so sehr sei die Teilnahme des Großherzogtums an einem französisch-belgischen Defensivbündnis durch die Natur der Dinge geboten.

Durch seine Aufnahme in den Völkerbund, wie sie tatsächlich erfolgt ist, sei Luxemburg, so meint der Unterzeichner des Briefes, tatsächlich internationalisiert. Und damit können sich Frankreich und Belgien in keinem Fall abfinden. Damit bestehe immer die drohende Gefahr eines deutschen Einbruchs in Luxemburg. Bevor Luxemburg in den Völkerbund aufgenommen wurde, hätte der Defensiv-Dreibund: Frankreich-Belgien-Luxemburg Tatsache sein müssen. Daß dies nicht geschah, werde in Frankreich umso weniger begriffen, als Luxemburg aus eigenem Antrieb seinen beiden Nachbarstaaten mit dem Angebot seines Zutrittes zu einem solchen Dreibund zuvorgekommen sei.

Soweit die Zuschrift.

Wie wäre es, wenn der Comte de Fels uns selbst die Sorge überließe, unser Schifflein zu steuern? Und wenn er uns, zum zweiten, sagen wollte, wer denn hierzuland sich zu einem Militärbündnis mit Frankreich und Belgien drängen wollte? Oder besteht in Paris, in den Kreisen, in denen der Comte de Fels verkehrt, eine luxemburger Regierung, die unabhängig vom Ministerium Reuter die Geschicke des Landes verwaltet?

Was nun die Gefahr eines Überfalls von Deutschland her betrifft, so würde sich die Sache im Ernstfall durchaus nicht so entwickeln, wie der Comte de Fels es ins Auge faßt. Wer zuerst fertig wäre, würde zuerst marschieren und losschlagen, ohne auf eine Ermächtigung von Seiten des Völkerbundes zu warten. Es gäb@ also vielleicht nur ein Mittel, den deutschen Einmarsch - von dem ja nur theoretisch die Rede sein kann - zu verhüten bezw. zu verlangsamen: Das wäre die Anlage eines schweren Festungsgürtels, in andern Worten, die Umwandlung unseres Ländchens in eitel Festungsgelände. Das wäre die Bedeutung unseres Beitritts zu jenem Defensivbündnis, von dem oben die Rede geht. Wir hätten dann als selbständiges Staatengebilde zu bestehen aufgehört. Das wollten wir in Luxemburg nicht, und das wollte man anscheinend auch nicht in Paris und Brüssel. Also könnte sich auch der Comte de Fels dabei beruhigen.

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    Katalognummer BW-AK-009-1810