Eben will ich eine Zigarette anstecken und mache die Entdeckung, daß meine Streichholzschachtel leer ist. Ich habe also erstens kein Streichholz und zweitens keine Ahnung, worüber ich heute schreiben soll. Ich hatte gehofft, im Gekräusel des Zigarettenrauchs würde mir ein Thema erscheinen, nun ist es auch damit nichts. Was nicht oft an so einem Streichholz hängt! Übrigens, wenn Sie sich einbilden, daß Streichhölzer nur da sind, um Zigaretten, Pfeifen, Zigarren oder Lampen und Öfen anzustecken, so sind Sie bekanntlich im Irrtum. Das Streichholz ist der „Cumulard“, wie er im Buch steht, was ihm zumal in Frankreich übel genommen werden könnte, wo das Streichholz sozusagen ein Staatsbeamter ist.
Eine der wichtigsten Funktionen liegt dem Streichholz beim Kartenspiel, in erster Linie beim Ecarté, ob. Da tritt es sozusagen als Parteigänger, als Duellzeuge auf, indem es die Gewinne und Verluste markiert. Je nachdem es sich rechts oder links legt, bedeutet es für den einen oder andern der. Spieler eine Summe, an die er am nächsten Morgen mit Schaudern zurückdenkt. Viele Streichhölzer können in diesem Fall derart kalte Füße erzeugen, daß der Spieler aufstehen und sich Bewegung verschaffen muß. Was dann die andern meist ungern sehen.
Mit Streichhölzern lassen sich ferner sehr hübsche Spiele spielen, Rätsel legen oder Fingerfertigkeitsstückchen ausführen. Manchmal sieht man im Café, wenn eine Gesellschaft fortgegangen ist, auf ihrem Tisch noch ganze und zerbrochene Streichhölzer herumliegen. Wer Bescheid weiß, sieht sofort, ob es sich um salonfromme oder mehr riskierte Nummern handelte und kann sich erklären, warum die Damen einmal so besonders laut gelacht und sich dann wie erschrocken angestoßen hatten.
Früher war das Streichholz noch kein so harmloser Kamerad. Damals konnte es vorkommen, daß es als Mitschuldiger bei Mutter-, Vater-, Kinder-, Gattenund sonstigem Mord auftrat. Clara-Viebig hat einen langen Roman darüber mit dem Titel Absolvo te! geschrieben, glaube ich. Damals wurden nämlich die Streichholzköpfchen nebenbei teils als Rattengift verwandt, teils von Gattinnen, die ihres Mannes überdrüssig waren, diesem in den Morgenkaffee getan.
Aber dann kamen die Schweden, und vom Giftmörder wurde das Streichholz zum harmlos-nützlichen Hausgenossen. Höchstens, daß es noch hie und da als Brandstifter auftrat oder als Anhaltspunkt in einer Detektivgeschichte. Schade, die alten Phosphorzündhölzer waren so schön. Erinnern Sie Sich der runden Schachteln aus gespließtem Tannenholz mit der rauhen Sandfläche auf dem Deckel, die so scharf rochen? Darin standen die köstlichen Stäbchen mit ihren roten, grünen, gelben, braunen, blauen Köpfchen. Auch olivengrüne gab es darunter, die waren mein Schwarm. Ich konnte mir keine vornehmere Farbe denken, als olivengrün. Das war so verhalten, so selbstsicher, so diskret und so verinnerlicht, so von einer kühlen Wärme. Olivengrün liebe ich bis auf den heutigen Tag.
Von den Wachsstreichhölzern will ich nur im Vorbeigehen reden. Die waren jedes für sich ein Schatz. Selbst angebrannt wurden sie noch sorgfältig in der Hosentasche aufgehoben und als Kerzlein benützt. Ein Wachsstreichholz stand im Kurs gleich 20-25 Knöpfe.
Die Schweden bedeuteten für die Phosphorhölzer die Götterdämmerung. Diese musikalische Ideenassociation erinnert mich daran, daß dazumal bei fröhlichen Zusammenkünsten ganze Opernarien auf den Text gesungen wurden, der auf den schwedischen Streichholzschachteln stand: Jönköpings Tändstiksfabrikspateut, Paraffinerade, Utan Svafel och Phosphor, Tända enderst mot ladams plan! (Ich stehe nicht für die schwedische Rechtschreibung ein.) Es klang pompös.
Der Erfolg der Schwedischen forderte die Nachahmung heraus. Zuerst kamen selbstverständlich die Kaiserhölzer, die heute ganz vom Markt verschwunden zu sein scheinen. Heute werden von großen Fabriken Preise für besonders wirkungsvolle und originelle Namen ausgesetzt. Sogar Speerwerfer heißt heute ein deutsches Zündholz. An Erzberger als KaiserErsatz scheint niemand zu denken.
Sehen Sie, das Streichholz ist zu allem zu gebrauchen, sogar zu einem Abreißkalender.