Original

7. Januar 1921

Wie sollte ich heute nicht schreiben über sie, die morgens über die Stadt hinweg die Geburt des ersten luxemburger Prinzen verkündigten, über unsere Kanonen, die aus der Biedermeierzeit wie rührende Bronzedenkmäler in die Gegenwart lebendig hereinragen! Denn es sind in der Welt sicher die einzigen Kanonen jener Zeit, aus denen heute noch wirklich geschossen wird.

Sie sind sechs Schwestern, aber nur fünf werden zum Schießen benützt, weil eine geborsten und unbrauchbar ist, sagen sie. Aus den fünf andern kann unser Militär bei einiger Übung in anderthalb Stunden 101 Schuß abgeben, soviel man eben braucht, um einen Prinzen anzuschießen. Für eine Prinzessin dauert es halb, für Zwillingsprinzen doppelt so lang. In Frankreich haben sie Kanonen, die 27mal in der Minute schießen können. Macht für ein Geschütz in anderthalb Stunden 2430, für fünf Geschütze 5×2430 = 12 150 Schüsse, also genug, um zirka 120 Prinzen anzuschießen, mehr, als in den nächsten hundert Jahren in Luxemburg voraussichtlich zur Welt kommen werden.

Schon aus diesem Grunde wäre es unangebracht, wenn wir hierzuland Schnellfeuergeschütze einführen wollten.

Unsere Artillerie ist, um einen etwas fernliegenden Vergleich zu gebrauchen, sozusagen alkoholfrei. Wie man alkoholfreien Wein trinkt, ohne einen Rausch zu bekommen, so schießen wir mit unsern Kanonen, ohne jemanden ein Leid zu tun. Unsere Kanonen sind zu denen der andern Völker, wie harmlose Biedermänner zu Mördern. Unsere Kanonen dienen nur dazu, bei feierlichen Anlässen in bestimmten Zwischenräumen ein patriotisches Geräusch zu machen.

An die fünf Jahre lang haben wir aus dem Westen das Kullern der Kanonenschläge gehört und gewußt, daß mit jedem Schlag krachendes Verderben irgendwo einschlug, Wohnstätten einriß, warme Menschenleiber zerfetzte. Jeder Schuß aus jenen Kanonen verkündete Tod und Unheil - jeder Schuß aus den unsern verkündet ein neues junges Leben. Ich muß sagen, unsere sind mir lieber.

Man könnte zwar dasselbe Geräusch durch Feuerwerksbomben erzielen, deren Krachen wahrscheinlich noch viel weiter vernehmbar wäre, als es gestern früh die Kanonenschüsse vom Bourbon her waren. Aber ein bißchen kriegerisch und zeremoniell muß die Sache doch auch aussehen. Und dann, so alte Kanonen, aus denen immer noch geschossen wird, das ist gewissermaßen rührend. Wie ein ganz altes Pärchen, das auf der Kindtaufe oder Hochzeit eines Enkelkinders noch ein Menuett tanzt, oder eine uralte Schrankuhr, die noch Ticktack macht.

Ich bin sicher, meinen sämtlichen Landsleuten aus der Seele zu reden, wenn ich hier den inbrünstigen Wunsch ausdrücke, daß man uns noch recht lange, immerdar unsere alten, friedlichen Kanonen läßt. Der einzige Fortschritt, der uns in diesem Betracht erfreuen könnte, bestände darin, daß man von den Bronzegeschützen zu Holzhaubitzen und von diesen zu Kanonen aus Leder fortschritte.

Wenn mir einer sagte, daß in hundert Jahren für einen neugeborenen luxemburger Prinzen aus Lederkanonen Freudensalut geschossen würde, so würde ich unsere Urenkel glücklich preisen.

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    Katalognummer BW-AK-009-1812